Johann Christian Heinrich Rinck

24 leichte Präludien

aus: Sammlung von Vor-, Nach- und Zwischenspielen für die Orgel op. 74

Verlag/Label: Edition Dohr 14202
erschienen in: organ – Journal für die Orgel 2019/02 , Seite 56
Der aus Thürin­gen stam­mende Johann Chris­t­ian Hein­rich Rinck (1770–1846) gehört sicher­lich nicht zu den Per­sön­lichkeit­en, die heutzu­tage bei einem „Rank­ing“ von gespiel­ten Kom­pon­is­ten bei Orgelkonz­erten einen der vorder­sten Plätze ein­nehmen wür­den. Außer seinem bekan­nten Flötenkonz­ert op. 55,5 für Orgel solo hört man sel­ten etwas von diesem heute zu Unrecht vergesse­nen Kom­pon­is­ten. Außer­halb der Orgel­szene blieb Rinck allen­falls bekan­nt durch seine Ver­to­nung des von August Hein­rich Hoff­mann von Fall­er­sleben ver­fassten Gedichts Abend wird es wieder.
Und den­noch hat der ehe­ma­lige Schüler von Johann Chris­t­ian Kit­tel, sein­er­seits noch Eleve des großen Johann Sebas­t­ian Bach, einen inte­ressanten Lebensweg aufzuweisen und hin­ter­ließ ein rel­a­tiv großes Œuvre an Orgel-, Klavier- und Kam­mer­musik sowie geistlichen Vokalw­erken; er galt zudem als ein­er der besten Organ­is­ten sein­er Zeit. Weit­er­hin ver­fasste er eine weit ver­bre­it­ete Orgelschule, war als Orgel­sachver­ständi­ger gefragt und unter­nahm zahlre­iche Konz­ertreisen.
Zu Rincks Schülern gehören wie­derum bekan­nte Per­sön­lichkeit­en wie Adolf Friedrich Hesse, der sein­er­seits Jac­ques-Nico­las Lem­mens im Orgel­spiel unter­wies, so dass dessen Schüler Charles-Marie Widor sowie sein später sehr ein­flussre­ich­er Nach­fol­ger Mar­cel Dupré sich auf eine „Heilige Tra­di­tion“ der Bach-Sukzes­sion berufen kon­nten, bei aller damit ver­bun­de­nen his­torisch-wis­senschaftlichen Prob­lematik.
Sta­tio­nen von Rincks Tätigkeit­en waren unter anderem Gießen, wo er das Amt des Uni­ver­sitätsmusikdi­rek­tors bek­lei­dete, und Darm­stadt, wo er später als Kan­tor, Hofor­gan­ist und Kam­mer­musik­er wirk­te. Für die Evan­ge­lis­che Kirchen­musik des 19. Jahrhun­derts ist Rinck als Schöpfer von zahlre­ichen Kom­po­si­tio­nen und Erneuer­er des gottes­di­en­stlichen Orgel­spiels von eben­so großer Bedeu­tung wie als Her­aus­ge­ber ein­er Samm­lung von protes­tantis­chen Choralmelo­di­en, dem soge­nan­nten Choral­fre­und. Rincks eigene per­sön­liche Musik­bib­lio­thek umfasste einige hun­dert Titel, darunter auch hand­schriftliche Par­ti­turen der Fam­i­lie Bach. Der Schott-Ver­lag mach­te sich die dama­lige Pop­u­lar­ität von Rinck zu eigen und betraute ihn mit der Erstel­lung des ersten Klavier­auszuges der Mis­sa solem­nis von Lud­wig van Beethoven.
Für eine Wieder­bele­bung der Wertschätzung des Kom­pon­is­ten set­zt sich die 1996 in Darm­stadt gegrün­dete Rinck-Gesellschaft ein. Daneben veröf­fentlicht der Ver­lag Dohr sukzes­sive dessen Werke und leis­tet damit einen wertvollen Beitrag zur Wieder­ent­deck­ung des sei­­nerzeit soge­nan­nten „Rheinis­chen Bach“. Stilis­tisch gese­hen verbindet Rinck Ele­mente der Poly­phonie des 18. Jahrhun­derts mit Ele­menten der Klas­sik und frühen Roman­tik.
Um es gle­ich vor­wegzunehmen: Die 24 leicht aus­führbaren Trios durch alle Tonarten sind eine regel­rechte Ent­deck­ung! Die kurzen, ein bis zwei Druck­seit­en umfassenden Mi­niaturen sind sehr ein­fall­sre­ich und meist von ele­gan­tem Charak­ter. So manch­es Stück enthält kleinere knif­flige Schwierigkeit­en, die es zu bewälti­gen gilt, z. B. ton­leit­er­hafte Ped­alführung wie in Nr. 6 oder 17; manche Piecen sind alleine schon ob der Tonart eine regel­rechte Lese­­übung, wie z. B. Nr. 3 in Cis-Dur. Die Stimm­führung ist ins­ge­samt sehr geschickt, Oktavpar­al­le­len wie in Nr. 16, Takt 20, zwis­chen link­er Hand und Ped­al, wie auch an ander­er Stelle bei Orgel­w­erken Rincks vork­om­mend, sind sicher­lich kein Verse­hen, son­dern eventuell dem schein­bar oft recht schwach disponiertem Ped­al zeit­genös­sis­ch­er Instru­mente geschuldet. Alle 24 Trios sind durchgängig auf einem ziem­lich gle­ich­mäßig hohen Niveau.
Wesentlich schlichter präsen­tieren sich die 24 leicht­en Prälu­di­en aus der Samm­lung von Vor-, Nach- und Zwis­chen­spie­len für die Orgel op. 74. Manche dieser Stücke sehen mehr wie ein skizziertes harmo­nisches Impro­vi­sa­tion­s­mod­ell aus. Und vielle­icht ist es wirk­lich so gedacht: dass Anfänger etwas haben, was sie schnell erler­nen kön­nen und das auch schon nach etwas klingt, während Fort­geschrit­tene die Stücke mit Verzierun­gen etc. auss­chmück­en kön­nen bzw. als Anre­gun­gen für
eigene kleine Impro­vi­sa­tio­nen oder Kom­po­si­tio­nen begreifen.
In ähn­lich­er, noch unterschied­licherer Form kom­men auch die 18 leicht­en Orgel­stücke zum Gebrauch beim öffentlichen Gottes­di­en­ste op. 106 daher. Einige sim­plere Werke ste­hen neben aus­gear­beit­eteren For­men wie z. B. den Fughet­ten oder dem beson­ders schön gelun­genen Nach­spiel Nr. 17 A-Dur, einem regel­recht­en Kabi­nettstückchen. Inter­es­sant sind die in dieser Samm­lung häu­fig vork­om­menden Reg­istri­er­an­weisun­gen, nach Mendelssohn’schem Vor­bild aber sehr all­ge­mein gehal­ten, und in besagtem vor­let­zten Stück gibt es sog­ar Angaben zum Man­u­al­wech­sel.
Man hat bei allen diesen drei Samm­lun­gen op. 20, 74 und 106 ein wenig das Gefühl, als würde einem der Kom­pon­ist als Päd­a­goge stetig über die Schul­ter schauen.
Ein nettes und gefäl­liges Stück, das im Konz­ert sicher­lich passende Anwen­dung find­en kann, ist das Andante mit acht Vari­a­tio­nen für Orgel op. 70. Hier gibt es eben­falls zahlre­iche, teils sog­ar konkretere Reg­istri­er­vor­gaben, die sicher­lich bei der Charak­terfind­ung der einzel­nen Vari­a­tio­nen hil­fre­ich sein kön­nen.
Alle vier Aus­gaben sind sehr gut les­bar und mit einem inter­es­san­ten Vor­wort von Rein­hard Kluth verse­hen. Ins­ge­samt gibt es bei Johann Chris­t­ian Hein­rich Rinck noch viel Span­nen­des zu ent­deck­en, und auf jeden Fall lassen sich etliche sein­er Werke auch im Unter­richt, sowohl im Lit­er­atur­spiel als auch als stil­ge­bunde Impro­vi­sa­tionsvor­lage, sin­nvoll ein­set­zen. Insofern gebührt der Edi­tion Dohr für das edi­torische Bemühen um diesen viel­seit­i­gen Mu­siker angemessen­er Dank.
Chris­t­ian von Blohn