Otto Dienel

10 Orgelkompositionen

Orgelwerke, Band 7, hg. von Hans-Peter Bähr

Verlag/Label: Dr. J. Butz, BUTZ 3005
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2022/01 , Seite 59

"Otto Dienel ist ein origineller Orgelkomponist, dem zu wün­schen ist, dass sein Name in Zukunft wieder häufiger in Konzertprogrammen erscheint. Sein Werk ist ein interessanter Bestandteil der deutschen Orgelromantik, und die neue, bis jetzt sieben Bände umfassende Werkausgabe sollte in keiner Bibliothek an Musikhochschulen und Kirchenmusikschulen fehlen." (Rainer Mohrs)

Vielle­icht geht es Ihnen ähn­lich? Der Name Otto Dienel ist mir bish­er noch nicht begeg­net, wed­er in Konz­ert­pro­gram­men noch in der Fach­lit­er­atur. Umso span­nen­der ist es, sich mit diesem Kün­stler auseinan­derzuset­zen. Der Blick in das infor­ma­tiv geschriebene Vor­wort zeigt: Der in Schle­sien geborene Otto Dienel (1839–1905) war in der zweit­en Hälfte des 19. Jahrhun­derts ein dur­chaus respek­tabler Organ­ist, Kom­pon­ist und Musikpädagoge.
Nach Stu­di­en am Königlichen Insti­tut für Kirchen­musik und der Königlichen Akademie der Kün­ste bei den Zel­ter-Schülern August Bach und August Grell sowie den bekan­nten Klavier­päd­a­gogen Alfred Löschhorn und Wil­helm Taubert blieb er in Berlin und wirk­te von 1869 bis 1905 als Organ­ist an der evan­ge­lis­chen Marienkirche, neben­her von 1877 bis 1897 als Musik­lehrer am Königlichen Sem­i­nar für Stadtschullehrer: Hier zählte kein Gerin­ger­er als der spätere Thomaskan­tor Karl Straube zu seinen Schülern. Die meis­ten sein­er rund vierzig Orgel­w­erke erschienen im Lon­don­er Musikver­lag Novello.
Diese erste Annäherung macht deut­lich: Hier geht es um einen zu Unrecht vergesse­nen Orgelkün­stler, dessen Orgel­musik wiederzuentde­cken und in Neuaus­gaben zu edieren sich lohnt. Der Butz-Ver­lag hat sich dankenswert­er­weise dieser Auf­gabe angenom­men, und Verlags­inhaber Hans-Peter Bähr legt hier bere­its den 7. Band der Orgel­w­erke Dienels vor.
Zu den zehn aus­gewählten Werken gehören zunächst drei kurze Choralvor­spiele: „Eins ist Not! Ach Herr“, „Es ist das Heil uns kom­men her“, „Ein feste Burg ist unser Gott“. Sie sind gut im Gottes­di­enst ein­set­zbar und abwech­slungsre­ich geset­zt, der can­tus fir­mus liegt stets im Ped­al. Alle anderen Stücke sind freie Werke, die sich fürs Konz­ert eignen, die ruhig-med­i­ta­tiv­en Stücke auch für die Liturgie.
Inter­es­sant ist Dienels Con­cert-Fuge in c‑Moll für volles Werk opus 1. Inter­es­sant, weil er sich der Form der Fuge auf eine sehr freie und kreative Weise annähert. Wenn – so jeden­falls das Lehrbuch – eine Fuge mit ein­er Stimme begin­nt und anschließend das The­ma, begleit­et von Kon­tra­punk­ten, durch die anderen Stim­men wan­dert, dann wäre Dienels opus 1 keine Fuge, son­dern eher eine Art „Con­cer­to grosso“, das zwar polyphon und kon­tra­punk­tisch struk­turi­ert ist, bei dem aber vom ersten bis zum let­zten Takt immer alle Stim­men gle­ichzeit­ig erklin­gen. Auch der Begriff des „oblig­at­en Kon­tra­punk­ts“, der ja bei manchen Fugen das The­ma gle­ich von Beginn an begleit­et, hil­ft hier nicht weit­er: Einen solchen per­ma­nen­ten Kon­tra­punkt gibt es nicht. Trotz­dem ist dies ein sehr dankbares Stück, eben eine Konz­ert-Fuge: bril­lant, eingängig und wirkungsvoll. Ein mutiges, unkon­ven­tionelles Erstlingswerk, das den Begriff „Fuge“ frei auslegt: Das The­ma ist omnipräsent, aber es wird öfters homophon begleit­et, von Anfang an frei ver­ar­beit­et und in seine einzel­nen Motivbausteine zer­legt, wie in Sonate oder Sinfonie.
Weit­ere reizvolle Stücke Dienels sind das Echo-Andante op. 19, ein lyrisches Stück, das mit schö­nen Echowirkun­gen zwis­chen Haupt­werk und offen­em bzw. geschlossen­em Schwell­werk spielt, zwei cantable Ada­gios op. 26 (As-Dur) und op. 29 (D‑Dur), ein Alle­gret­to cantabile op. 35 (G‑Dur) mit Pas­torale-Charak­ter sowie das prachtvolle Fest­prae­ludi­um op. 21 (D‑Dur). Alle Noten­texte beruhen auf den Erst­druck­en und über­liefern die orig­i­nalen Registerangaben.
Faz­it: Otto Dienel ist ein orig­ineller Orgelkom­pon­ist, dem zu wün­schen ist, dass sein Name in Zukun­ft wieder häu­figer in Konz­ert­pro­gram­men erscheint. Sein Werk ist ein inter­es­san­ter Bestandteil der deutschen Orgel­ro­man­tik, und die neue, bis jet­zt sieben Bände umfassende Werkaus­gabe sollte in kein­er Bib­lio­thek an Musikhochschulen und Kirchen­musikschulen fehlen.

Rain­er Mohrs