Wolfgang Rihm und die Orgel

Martin Schmeding an der Klais-Orgel der Pfarrkirche St. Stephan, Karlsruhe. Mirjam Wiesemann im Gespräch mit Wolfgang Rihm und Martin Schmeding (2018)

Verlag/Label: 4 SACDs, Cybele records, KiG 012 (2019)
erschienen in: organ – Journal für die Orgel 2020/01 , Seite 63

Bew­er­tung: 5 von 5 Pfeifen!

Wolf­gang Rihm ist nicht unbe­d­ingt als Kom­pon­ist von Orgel­musik bekan­nt. Dabei erk­lärte er bere­its 1983: „Ich habe früher viel Orgel­musik kom­poniert, so um die Zeit 1966 bis 1970, sehr viel Orgel­stücke, wenig Frommes, meist dröh­nend Freies, kinder­haft pom­pig. Gespielt habe ich auch sehr gerne an Orgeln, natür­lich nie nach Noten, son­dern – wie es sich gehört – mit mir selb­st, es war her­rlich. Manch­mal habe ich mich ein­schließen lassen, es gab da­mals schon ein paar Leute, die mich gewähren ließen; ich … schlug die halbe Nacht die Orgel – dur­chaus im Wortsinn.“
Das bis­lang veröf­fentlichte Orgelschaf­fen Rihms ist – gemessen an diesem Hin­weis, aber auch der Fülle sein­er Werke für andere Instru­mente – schmal: Aus der Zeit sein­er Karl­sruher Kom­po­si­tion­sstu­di­en bei Eugen Wern­er Velte sind drei Fan­tasien und ein Orgel­stück mit dem Titel Con­tem­pla­tio aus dem Jahr 1967 ver­füg­bar, außer­dem eine einzelne Fan­tasie von 1968. Parusie für große Orgel op. 5 stammt aus dem Jahr 1970, Sin­fo­ni­ae I mit dem Unter­ti­tel „Messe für Orgel“ ist ein Jahr jünger. Während sein­er Stu­dienzeit bei Klaus Huber kom­ponierte Wolf­gang Rihm 1974 Siebengestalt für Orgel und Tam-Tam, während Bann, Nachtschwärmerei erst 1980 ent­stand.
Die Ein­spielung Mar­tin Schmed­ings nimmt neben diesen schon lange ver­füg­baren Werken auch die frühen Werke Rihms, die vor allem aus der Zeit vor und während des Studi­ums ent­standen sind, in den Blick, aber auch ganz andere Stücke: so Cla­ma­tio für Orgel und Beik­länge, ein in Anlehnung an Mauri­cio Kagels Kom­po­si­tio­nen mit erweit­ertem Instru­men­tar­i­um ent­standenes Werk von 1971/72, das Schmed­ing mit sein­er ganzen Fam­i­lie und Fre­un­den und mit erkennbarem Spaß auf­führt. Über­haupt ist seinem inter­pre­ta­torischen Zugang zum Schaf­fen Rihms – jen­seits der Schmed­ing ohne­hin eige­nen stu­pen­den Vir­tu­osität – eine große Freude an der Klang­welt des Karl­sruhers anzumerken. Das einzige Werk, das hier noch fehlt, ist Unbe­nan­nt IV von 2003 als Kom­po­si­tion für Orgel und Orch­ester – als Empfehlung für ein Pro­jekt, das nach Fort­set­zung lechzt.
Die Klais-Orgel der Pfar­rkirche St. Stephan in Karl­sruhe entspricht weit­ge­hend den Instru­menten, an denen Rihm in den 1960er Jahren selb­st gespielt hat; sie geht zurück auf ein Werk von 1959, das 2012 reor­gan­isiert und deut­lich erweit­ert wurde und nun dem Pro­jekt über­aus angemesse­nen ist. Die heuti­gen 63 Reg­is­ter wer­den durch ein neues Aux­il­iar­w­erk mit weit­eren 27 Re­gis­tern ergänzt – die der Musik Rihms zusät­zlich­es Gewicht ver­lei­hen; Schmed­ing beherrscht das Instru­ment auch insofern, als ihm mit dieser Orgel Momente beeindru­ckender Trans­parenz gelin­gen.
Ergänzt wird die überzeu­gende Auf­nahme durch zwei Gespräche, die Mir­jam Wiese­mann – als spir­i­tus rec­tor entschei­dende Ideenge­berin des Plat­ten­la­bels – mit dem Organ­is­ten und dem Kom­pon­is­ten geführt hat: Wolf­gang Rihm zeigt sich wie immer als sprachmäch­tiger, auskun­fts­freudi­ger, aber auch dur­chaus unbe­que­mer Gesprächspart­ner, der gle­ich zweimal anbi­etet, doch lieber über Felix Drae­seke zu sprechen … Lei­der wirken die bei­den Inter­views etwas unter­s­teuert, was sicher­lich den akustisch prob­lema­tis­chen Lokalitäten geschuldet ist.
Die tech­nis­che Qual­ität der vier SACDs ist über jeden Zweifel erhaben. Beson­ders wertvoll wer­den sie durch eine Auf­nahme des musizieren­den Kom­pon­is­ten: Wolf­gang Rihm impro­visiert in Karl­sruhe-Durlach an der ihm sehr ver­traut­en Wolf­gang-Scherpf-Orgel, darunter eine Fan­tasie über ein The­ma aus Liszts Faust-Sin­fonie oder eine Toc­ca­ta über B-A-C-H.
An gle­ichem Ort ent­standen ist die Auf­nahme, die Cybele par­al­lel unter dem Titel Wolf­gang Rihm impro­visiert an der Orgel her­aus­gegeben hat: Bei fünf weit­eren Impro­vi­sa­tio­nen ohne Titel, aber auch weit­eren Kom­po­si­tio­nen, die barocke Vor­bilder im Titel tra­gen – und in mancher­lei Hin­sicht auch in ihrer Tex­tur –, ist der Ein­druck des impro­visieren­den, orge­laffinen Komponis­ten mit beein­druck­ender Tech­nik (!) sehr stark. Dank der Auf­nah­me­tech­nik ist er auch frisch: Die Mono-Aufze­ich­nun­gen von 1970 wur­den von Cybele ein­er bemerkenswerten Restau­rierung unter­zo­gen.
Bei­de Aus­gaben wer­den abgerun­det durch infor­ma­tive, im Falle des SACD-Sets auch reich­haltig be­bilderte Book­lets mit behut­samen Ein­führun­gen in den Stil und die Schaf­fen­sprozesse Wolf­gang Rihms. – Run­dum empfehlenswert.
Birg­er Petersen