Werke von Rheinberger, Arthur Foote, Pamela Decker, Bach, Reger, Beethoven, Wagner

Windows of the Spirit

The Sanctuary Organ of First Presbyterian Church Atlanta, Georgia, USA. Jens Korndörfer, Orgel

Verlag/Label: organum classics OGM 191036 (2019)
erschienen in: organ – Journal für die Orgel 2020/01 , Seite 60

Bew­er­tung: 4 von 5 Pfeifen

Auch die Orgel­welt ken­nt ihre dur­chaus fes­ten Rit­uale. So kommt dem ersten Konz­ert nach Fer­tig­stel­lung eines Orgel­pro­jek­ts zunächst – meist lokal – eine her­vorge­hobene Bedeu­tung zu. Später ist es die erste Ein­spielung, die das Instru­ment – und (nicht sel­ten) auch den Inter­pre­ten – dann medi­al ein­er bre­it­eren Öffentlichkeit zu Gehör brin­gen soll. Naturgemäß ist das Pro­gramm der­ar­tiger Anlässe eher het­ero­gen „bunt“, reicht quer durch die Epochen bis zur Gegen­wart, zu­mal wenn zur Orgel­wei­he auch eine Auf­tragskom­po­si­tion vergeben wird; soll doch ein möglichst großes Spek­trum der klan­glichen wie tech­nis­chen Möglichkeit­en der Orgel zur „Schau“ gestellt wer­den.
Bei der vor­liegen­den CD ist der Organ­ist wahrlich nicht zu benei­den, muss er sich doch auf unter 80 Minuten Spielzeit beschränken, und das bei einem Instru­ment mit 112 Reg­is­tern, verteilt auf zehn Teil­w­erke und mehrere Stan­dorte im Raum, dazu eine schi­er unüber­schaubare Zahl an Kop­peln sowie son­stiger tech­nis­ch­er Finessen wie Sostenu­to oder Ped­al Divide, die in den let­zten Jahren regel­recht zur Mode gewor­den sind.
Dass dabei kein Weg am Großmeis­ter Bach vor­beiführt, scheint noch immer ein ungeschriebenes Gesetz. Toc­ca­ta und Fuge F-Dur erklin­gen hier jedoch in ein­er etwas janusköp­fi­gen Inter­pre­ta­tion. Für die Toc­ca­ta wählt Jens Korndör­fer ein erfrischend belebtes Tem­po, das dem recht aus­gedehn­ten Werk den nöti­gen „Dri­ve“ gibt und vor sta­tis­chen (Über-)Längen schützt. Zudem weiß er dem Stück durch dynamis­ches Auf- und Abreg­istri­eren geschickt orches­trale Dimen­sion zu ver­lei­hen. Weniger überzeu­gend gelingt ihm indes die Fuge, die allzu schw­er­lastig wirkt und trotz dynamis­ch­er Steigerung nicht wirk­lich in Schwung kommt.
Auch Josef Rhein­berg­ers Intro­duk­tion und Pas­sacaglia aus der 8. Sonate in e-Moll kommt zu Beginn der Auf­nahme arg akademisch und kopflastig daher. Zwar eignet sich das Werk primär gut, um eine Fülle von Klang­far­ben und Reg­is­ter­mis­chun­gen vorzustellen, was Korndör­fer auch reich­lich und geschickt nutzt, doch gefühlt dehnt sich das gut zehn­minütige Stück zu ein­er hal­ben Ewigkeit. Vor­be­halt­los über­zeugend gelin­gen dage­gen die Inter­pre­ta­tio­nen von Regers Choral­fan­tasie über „Ein feste Burg ist unser Gott“, der 2. Satz aus Beethovens Sym­phonie Nr. 5 in der Bear­beitung des Inter­pre­ten sowie die Lemare-Bear­beitung der Ouvertüre zu Wag­ners Fliegen­dem Hol­län­der. Ins­beson­dere in den bei­den let­zt­ge­nan­nten Werken kommt die or­ches­trale Stärke der Orgel voll zur Gel­tung, wer­den fein­ste dynamis­che Schat­tierun­gen aus der Orch­ester­par­ti­tur auch dank der tech­nis­chen Spiel­hil­fen akribisch genau auf das von den Fir­men Klais und Schlueter in den Jahren 2016 bis 2018 gen­er­alüber­ar­beit­ete und erweit­erte Instru­ment umge­set­zt.
Über­haupt klingt die Orgel trotz der Vielzahl an Grund­stim­men  erfreulich erfrischend und hebt sich damit erkennbar von so manchem far­b­los-dumpfen Klang­bild pseu­do-roman­tis­ch­er Neu- und Nach­baut­en ab, nicht zulet­zt durch ein kraftvoll-kerniges Prin­ci­pal-Gerüst bis in die Mix­turla­gen.

Wolf­gang Valeriu