Johannes Brahms

Werke für Orgel

hg. von George S. Bozarth

Verlag/Label: G. Henle 1368
erschienen in: organ 2018/01 , Seite 61

In ein­er Zeit, in der Musikver­lage sich, notge­drun­gen, weit­ge­hend vom Papiergeschäft zurückziehen, gerne POD (print of demand) gedruckt wird und Noten dig­i­tal ange­boten wer­den, mutet diese Aus­gabe der Brahms’schen Orgel­w­erke auf eine beina­he rührende Weise fast anachro­nis­tisch an. Im längst ange­broch­enen Zeital­ter der Jet-Vio­lin­is­tin­nen und ICE-Pianis­ten reisen Vir­tu­osen aus prak­tis­chen Grün­den gern mit ihrem iPad, das alle benötigten Noten gespe­ichert hat und jed­erzeit den Zugriff auf alle möglichen Werke ges­tat­tet, ohne sich mit einem Kof­fer voller Druck­erzeug­nisse abmühen zu müssen.
Nicht so, im vor­liegen­den Fall, der Münch­en­er Hen­le-Ver­lag, der als ein­er der ganz weni­gen lange Zeit die Noten noch stechen ließ, was ein äußerst klares Erschei­n­ungs­bild liefert. Man kann fast kon­sta­tieren, dass diese Aus­gabe druck­tech­nisch und vom Lay­out her lux­u­riös ist, so über­sichtlich sind die 73 Seit­en gestal­tet. Allein für die Incip­its spendet der Ver­lag zwei lock­er gestreute Seit­en. Das Vor­wort und der kri­tis­che Bericht (auch in Englisch und Franzö­sisch) sind eben­so großzügig gedruckt.
Dabei erfährt man einiges über Brahms’ Ver­hält­nis zur Orgel: Mitte der 1850er Jahre nahm der Kom­pon­ist Orgelun­ter­richt, sozusagen ein Kol­lat­era­lergeb­nis sein­er inten­siv­en Kon­tra­punk­t­stu­di­en. In dieser Zeit ent­standen bere­its einige Orgel­w­erke. Die musikalisch tiefen und zudem repter­toiregeschichtlich hoch bedeu­ten­den Elf Choralvor­spiele op. 122 schrieb er allerd­ings kurz vor bzw. nach dem Tod sein­er geliebten Fre­undin Clara Schu­mann. Es sind, knapp ein Jahr vor seinem eige­nen Tod, seine let­zten Werke über­haupt.
Bere­its 1927 hat der Ver­lag Bre­itkopf die Brahms’schen Orgel­w­erke in ein­er sorgfälti­gen Aus­gabe im Hochfor­mat ange­boten. Zum 150. Geburt­stag des Kom­pon­is­ten ließ er 1983 eine rev­i­dierte, vom Nürn­berg­er Avant­garde-Apos­­tel Wern­er Jacob durchge­se­hene Aus­gabe im Quer­for­mat fol­gen. Nun hat sich der Münch­n­er Hen­le-Ver­lag an eine rev­i­dierte Neuaus­gabe im Quer­for­mat (sorgfältig gebun­den, nicht mit der unprak­tis­chen Ring­bindung, die die Seit­en gern aus­reißen lässt) gewagt. Wie gewohnt bei Hen­le (gegrün­det 1948) erscheint die Aus­gabe, die auf ein­er älteren von 1987 basiert, als „Urtext“ und druck­tech­nisch her­vor­ra­gend. Hen­le bzw. der Her­aus­ge­ber Bozarth bieten darüber hin­aus Früh­fas­sun­gen bzw. Alter­na­tiv­en zu eini­gen Stück­en, sofern sie auffind­bar waren, die im Anhang abge­druckt sind. So kann man am Spieltisch ver­gle­ichen und muss sich kein­er Beilage-CD bedi­enen; denn nicht jeder/jede hat einen Lap­top oder einen Zwer­grech­n­er an der Orgel gle­ich zur Hand.
Die neue Hen­le-Aus­gabe ist das überzeu­gende Beispiel eines inhaltlich wie äußer­lich exzel­len­ten und außeror­dentlich über­sichtlichen Noten­drucks. Sie enthält selb­stver­ständlich alle Orgel­w­erke des großen deutschen Roman­tik­ers. Dass Prae­ludi­um und Fuge a-Moll hier nur auf zwei Sys­te­men notiert erscheint, also ohne eigenes Pedalsys­tem, bleibt allerd­ings das ungelöste Rät­sel von Ver­lag bzw. Her­aus­ge­ber.
Die broschierte Aus­gabe kostet 22 Euro, die wis­senschaftliche Aus­gabe (Leinen) mit voll­ständi­gem Kri­tis­chen Bericht 140 Euro. Sehr erfreulich und abso­lut zu empfehlen!

Klaus Uwe Lud­wig