Olivier Latry
Von Notre-Dame in die ganze Welt
Ein reisender Virtuose erzählt. Aus dem Französischen von Birger Petersen
Zweifellos zählt Olivier Latry zu den fähigsten Künstlern seiner Generation. Nicht von ungefähr wurde er bereits mit 23 Jahren in das Amt des Organisten von Notre-Dame in Paris berufen; spätestens damit begann Latrys große internationale Karriere. Wer viel rund um den Globus reist, hat viel zu erzählen. Dies tut Latry nun in diesem Buch, das man als eine Art Tagebuch auffassen kann, beginnend im Jahr 1981, als Latry noch Student war. Deshalb erinnert er sich auch oft und gern an seinen Lehrer Gaston Litaize, ohne dass wir viel über ihn erführen. 1985 folgten erste Reisen als Notre-Dame-Organist nach Nord- und Südamerika, Kanada, Skandinavien, Afrika – also bereits in die halbe Welt, damit einhergehend ein Leben in Hotels. Da gibt es angenehme und grenzwertige Erlebnisse. Das Treiben auf den Straßen ist mal chaotisch, mal geordnet.
Je länger man sich Latrys Erzählungen zu Gemüte führt, desto ähnlicher wird, was er aus allen Teilen dieser Erde berichtet. Es ist eigentlich immer dasselbe: funktionierende Orgeln – desaströse Orgeln; freundliche Pfarrer – und missmutige, abweisende; Konzertveranstalter, die sich entweder kümmern – oder auch nicht. Eingestreut sind Eindrücke von fremden Städten und Regionen und was dort getan oder gegessen wird.
Dann sind da noch die gesundheitlichen Probleme, mit denen sich Latry immer wieder herumschlägt, orthopädische wie organische. Erstere sind Folge „instabilen Gleichgewichts auf einer winzigen Bank“ (S. 34). Ja, diese Erfahrung macht jeder Mensch, der Orgel spielt! Psychologie wird virulent, wenn Latry (häufig) von seinen Selbstzweifeln berichtet, davon, dass er Ansprüchen womöglich nicht genügen kann. Davon haben vermutlich die allermeisten Menschen, die Latry zuhören durften, gar nichts gespürt. Aber man bedauert ihn im Nachhinein.
Kaum zu glauben: Man habe ihm „dringend davon abgeraten, ja sogar fast verboten […], Bach in Deutschland oder Holland zu spielen“ (S. 87). Wer um Himmels willen kommt auf eine solche Idee? Und weshalb? Dies hätte Latry uns erklären sollen. Aber ins Detail geht Latry eigentlich nie. Nichts, was Spezifika von Musik und/oder Instrumente betrifft, nichts Interessantes über Menschen. Von einer Uraufführung ist die Rede, einem vierzigminütigen Werk (S. 207), von dessen Schöpfer oder Schöpferin wir gern den Namen erfahren hätten.
Wenig vergnüglich ist, zumindest in der deutschen Übersetzung, auch der weitgehend gleichförmige Sprachduktus. Etliches ist schlichtweg unprofessionell und offensichtlich unredigiert übersetzt. So stirbt Louis Vierne an seiner „Klaviatur“ (S. 20), eine chinesische Kirche wird mit „Schrein“ übersetzt (S. 193), von „Rohrblattregistern“ (S. 123) ist die Rede! Dies lässt befürchten, die Hilfe einer KI könnte sich hier nicht ganz segensreich ausgewirkt haben. Für Latry-Fans ist dieses Buch womöglich schön zu lesen, bietet aber kaum Interessantes von Belang.
Christoph Schulte im Walde


