Zacher, Gerd

Vocalise (1971) für Orgel

Verlag/Label: edition gravis, eg 1983
erschienen in: organ 2013/03 , Seite 60

Gerd Zach­ers (geb. 1929) Vocalise für Orgel ent­stand bere­its im Dezem­ber 1971 und gehört zu seinen ein­dringlich­sten und konsequen­testen Stück­en. Obwohl sich die Musik keineswegs drama­tisch oder aufwüh­lend gibt, repräsen­tiert sie gle­ich­wohl einen klar aus­ge­führten kom­pos­i­torischen Gedanken: Das Schwell­w­erk der Orgel mit seinen „mod­u­la­torischen“ Möglichkeit­en in klan­glich­er und dynamis­ch­er Sicht rückt in den Fokus musikalis­ch­er Arbeit.
Um den Hör­er auf diesen As­pekt zu konzen­tri­eren, lässt Zach­er einen gespiegel­ten sech­stöni­gen Ak­kord nahezu durchge­hend als Lig­atur in der linken Hand im Grand jeu des Schwell­w­erks liegen. Eine eigene Rhyth­muszeile in der Mitte zeigt die Bedi­enung des Schwellpedals an. Hinzu kom­men musikalis­che Ele­mente der recht­en Hand, die von Akko­r­den und Ein­wür­fen bis hin zu Melodiefrag­menten reichen. Zeitweilig wer­den sie im Brust­werk gespielt, das nur mit einem Gedackt 8’ reg­istri­ert ist. So entste­ht der beson­dere Effekt, dass das Schwell­w­erk das Brust­werk klan­glich-dynamisch zeitweilig verdeckt. Dies ist expliz­it so gewollt. Hinzu tritt gele­gentlich das Ped­al in tiefer Bass­funk­tion. Öff­nen und Schließen des Schwell­w­erks geschieht nun im Tem­po des Achtelpuls­es oder in weit­en, überge­bun­de­nen Noten. Neben den Crescen­do-Effekt tritt zudem eine rhyth­mis­che Kom­po­nente, die sich vor allem gegen Ende des Stücks ent­fal­tet. Einkom­ponierte „Aus­set­zer“ des Akko­rds kurz vor Schluss lassen der Orgel buch­stäblich den Atem sto­cken.
Es han­delt sich spiel­tech­nisch um ein ein­fach­es bis mit­telschw­eres kürz­eres Stück, dss auch auf ein­er nicht allzu großen zweiman­u­ali­gen Orgel mit zun­genbe­set­ztem Schwell­w­erk gut darstell­bar ist. Wen­ngle­ich die poly­phone Hand­schrift Zach­ers die Ein­studierung nicht immer vere­in­facht, ist die Musik in jedem Fall lohnend für Liturgie und Konz­ert. Auch für Organ­istIn­nen, die wenig Erfahrung in der Inter­pre­ta­tion zeit­genös­sis­ch­er Musik haben, erweist sich die Par­ti­tur als geeignet. Fernab aller tech­nis­chen Kapri­olen ist das Ergeb­nis beza­ubernd schön und klar.

Dominik Susteck