Versuchung Streicher. Orgel. Romantik

Josef Gabriel Rheinberger (1839-1901): Suite c-Moll op. 149 / Sechs Stücke op. 150

Verlag/Label: phonector KTA-2012 (2012)
erschienen in: organ 2012/04 , Seite 57

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Kirchen­musik auf der einen, Kam­mer­musik auf der anderen Seite: chiesa und cam­era bilden unter dem musikalis­chem Aspekt ihrem anges­tammten örtlichen – wie sozi­ol­o­gis­chen – Kon­text nach heute einan­der meist eher auss­chließende Sphären. Aber es gibt dann doch einige (wenige) Werke, die bere­its in ihrer Konzep­tion – und nicht via nachträgliche arti­fizielle Adap­tion – bei­de Gen­res vere­inen. Dazu zählt auch Josef Rhein­berg­ers Suite op. 150 für Vio­line, Vio­lon­cel­lo und Orgel, die 1877 auf Ersuchen des Rhein­berg­er-Fre­un­des Alexan­dre Guil­mant ent­stand und offen­bar eine dama­lige „Mark­tlücke“ füllte. „Durch Ihre prächti­gen Stücke ist wirk­lich einem fühlbaren Man­gel abge­holfen wor­den“, mit diesen Worten stat­tete sein­er­seits der Weimar­er Hofor­gan­ist Alexan­der Wil­helm Gottschalg Rhein­berg­er seinen beson­deren Dank für diese Kom­po­si­tion ab.
Die vor­liegende Ein­spielung ent­stand in der ein­sti­gen Niko­laikirche zu Frank­furt an der Oder, die unter sozial­is­tis­chem Kul­tur­reg­i­ment zur „Konz­erthalle“ pro­faniert wurde. Lei­der ist das auf dem Ton­träger erzielte Klang­bild nicht ganz befriedi­gend. Die Auf­nah­me­tech­nik lässt den Vio­lin­part Klau­dy­na Schulze-Broniewskas und das Cel­lo Thomas Geor­gis häu­fig allzu promi­nent im Vorder­grund ste­hen. So sehr man sich an dem süf­fi­gen „Gesang“ der bei­den Stre­ich­er erfreuen mag, den diese miteinan­der, alternierend oder die Phrasen ein­er dem anderen nachsin­gend pro­duzieren, so sehr wün­schte man sich den Orgel­part, den Anja Liske-Moritz an der 1975 erbaut­en dreiman­u­ali­gen Sauer-Orgel gestal­tet, in deut­licher­er Präsenz wahrzunehmen. Viel zu dezent ver­har­rt die Orgel klan­glich im Hin­ter­grund, entwick­elt regel­rechte „Fern­­werk­effekte“, das Finale ein­mal ausgenom­men, bei dem die Orgel ähn­lich pom­pös auftrumpfen darf wie in den bekan­nteren Orgel­sonat­en des Kom­pon­is­ten.
Die vor­liegende CD enthält neben der Suite op. 149 auch Rhein­berg­ers wenig später ent­standene Sechs Stücke op. 150 für Vio­line und Orgel, deren Num­mern 2, 4 und 5 hier in ein­er Bear­beitung des Kom­pon­is­ten für Vio­lon­cel­lo erklin­gen. Die Klanggewichte wirken in Opus 150 ins­ge­samt aus­ge­wo­gen­er; der Orgel­part bietet hör­bar mehr Zeich­nung und Kon­tur. Was die bei­den Opera verbindet, ist ihre Stel­lung nicht nur zwis­chen chiesa und cam­era, son­dern auch zwis­chen barock­en Mod­ellen und roman­tis­chen Aus­druck­sweisen. Da ste­hen dann ein ganz dem 19. Jahrhun­dert zuge­hören­des gefüh­lvolles „Abend­lied“ oder eine „Elegie“ in gedeck­tem Cel­loton neben klas­sis­chen „suit­en­haften“ Tanzsätzen wie Gigue und Sara­bande, wobei Let­ztere in der Inter­pre­ta­tion der drei beteiligten Kün­stler eher beschwingt als gemessen grav­itätisch wirkt. Am deut­lich­sten kommt das Bestreben barock­isieren­der Rhetorik in der „Ouvertüre“ aus op. 150 zum Zuge: Gegen seine Nei­gung zu gle­ich­mäßig fließen­-der melodis­ch­er Bewe­gung greift Rhein­berg­er hier dezi­diert die typ­is­chen punk­tierten Rhyth­men alt­franzö­sis­ch­er Vor­bilder auf.

Ger­hard Dietel