Brahms, Johannes

Variationen und Fuge über ein Thema von Händel

Bearbeitung für Orgel, op. 24 von Martin Schmeding

Verlag/Label: Schott Music, ED 21358
erschienen in: organ 2014/04 , Seite 58

Im Jahr 1862 veröf­fentlichte Johannes Brahms seine pianis­tisch höchst anspruchsvollen, knapp halb­stündi­gen Vari­a­tio­nen und Fuge über ein The­ma von Hän­del. Die in sich geschlossene Konzep­tion, mit 25 Vari­a­tio­nen und ein­er finalen Fuge, markiert einen Durch­bruch inner­halb sein­er fünf Variations­zyklen für Klavier solo. Mar­tin Schmed­ing bere­ichert mit sein­er gelun­genen Orgelfas­sung „das orig­i­nale Orgel­reper­toire von Brahms um einen gewichti­gen Beitrag“ (Vor­wort des Bear­beit­ers). Dem geneigten Inter­pre­ten, der über ein sicheres pianis­tisch-tech­nis­ches Rüstzeug ver­fügt, sei diese sorgfältig erstellte sowie edi­torisch ansprechend und lese­fre­undlich gestal­tete Aus­gabe emp­fohlen.

Der Pianist kann ver­mit­tels eines aus­d­if­feren­zierten Anschlags ver­schiedene Klangebe­nen erste­hen lassen, die an der Orgel durch unter­schiedlich aus­reg­istri­erte Klangsek­tio­nen auf ver­schiede­nen Man­ualen und dem Ped­al darstell­bar sind. Das The­ma („Aria“) erklingt in der Bear­beitung mit ein­er Solostimme, die von stre­ichen­den Grund­stim­men begleit­et wird. Die aus­greifend­en Stac­ca­to-Bass­fig­uren der Vari­a­tion Nr. 1 wer­den ins Ped­al ver­legt, wodurch der Part der recht­en Hand auf zwei Man­uale verteilt wer­den kann. Musikalis­che Lin­ien treten immer wieder plas­tisch her­vor. Beispiel­sweise wird die Unter­stimme der recht­en Hand im ers­ten Teil der lyrischen 11. Vari­a­tion mit einem leisen 4’-Register im Ped­al über­nom­men, im zweit­en Teil der Bass mit einem 8’-Register.

In der zen­tralen Minore-Vari­a­­tion Nr. 13 kön­nen die in Sex­ten geführte Melodie (auf Man­u­al I) und die arpeg­gierten Begleitakko­rde (Man­u­al II mit Ped­al) dynamisch abgestuft wiedergegeben wer­den. Unter Zuhil­fe­nahme oktavieren­der Reg­istrierun­gen (16’ und 4’) wer­den auch der Kanon der 6. Varia­tion und der dop­pelte Kon­tra­punkt in der Oktave der 18. Vari­a­tion, die über den eigentlichen „natür­lichen“ Man­u­alum­fang der Orgel hin­aus­ge­hen, in der orig­i­nalen hohen Diskant- bzw. tiefen Bass­lage real­isier­bar. Qua­si-kon­tra­punk­tis­che pianis­­tische Imi­ta­tio­nen kennze­ich­nen die Vivace-Vari­a­tio­nen Nr. 23 und Nr. 24. Wieder­holt anstür­mend chang­iert die Dynamik auf kleinem Raum, zum Teil viertel­weise mit Crescen­di und abrupten Wech­seln zwis­chen piano und forte. In der ener­gi­co-Vari­a­tion Nr. 10 kann das jew­eils zweitak­tige Dimin­u­en­do vom forte zum pianis­si­mo ohne Weit­eres ter­rassen­dy­namisch mit Man­u­al­wech­sel (bei gekop­pel­ten Man­ualen) und gle­ichzeit­igem Schließen des Jalousi­eschwellers umge­set­zt wer­den.

In seinem Vor­wort (in deutsch / englisch) skizziert Mar­tin Schmed­ing, den Charak­teren der einzel­nen Vari­a­tio­nen entsprechend, Möglichkeit­en der klan­glichen Gestal­tung. Das The­ma der groß angelegten vital­en Schlussfuge wird als Umkehrung und Aug­men­ta­tion präsen­tiert und von freien Zwis­chen­spie­len abgelöst. Der unver­wech­sel­bar roman­tisch-dichte Brahms’­sche Klavier­satz bein­hal­tet dabei etwa Terzen-, Sex­ten- und Oktaven­pas­sagen und weit­grif­fige Begleit­fig­uren. An der Orgel wird die Bassstimme oft­mals vom Ped­al über­nom­men. Über dem Orgelpunkt auf F erklingt schließlich das „volle Werk“, und der Vari­a­tion­szyk­lus schließt tri­umphal und klangge­waltig ab.

Jür­gen Geiger