Hakim, Naji

Variationen über „O Königin voll Herrlichkeit, Maria“ für Orgel

Verlag/Label: Schott Music, ED 22634
erschienen in: organ 2017/01 , Seite 62

Hier legt Maître Naji Hakim in der Edi­tion Schott gle­ich zwei neue Werke vor, die mit Blick auf Umfang und Schwierigkeits­grad einen bre­it­en Kreis (auch neben­beru­flich­er) Organ­istIn­nen ansprechen dürften. Seine vier Vari­a­tio­nen über die Wei­se des Spey­er­er Marien­liedes O Köni­gin voll Her­rlichkeit, Maria!, dessen Text Wil­helm Moli­tor und dessen Melodie Johann Bap­tist Benz (Spey­er 1861) ver­fasst hat­ten, sind 2014 ent­standen. Das Stück ist eine Auftrags­arbeit der Diözese Spey­er; es ist dem dort aktuell amtieren­den Domor­gan­is­ten Markus Eichen­laub zugeeignet.
Schon in der ersten Vari­a­tion ist man erstaunt, wie unglaublich sub­til und „instink­t­sich­er“ Hakim hier diese sim­ple tonale Melodie, deren Inter­vallschritte sich auch noch im­mer wieder­holen, als Bass-Can­tus-fir­mus-Satz in einen aus­ge­sprochen reizvollen har­monis­chen Kon­text ver­set­zt. Seine zarte Begleitung set­zt ein­fache Motivik, aus­drucksstarke Har­monik, melodis­che Steigerung und strin­gen­ten Fluss ein, um in ganz und gar franzö­sisch-orch­es­­traler Manier die Lied­melodie in eine Orgelk­lang­wolke zu zaubern, die Spiel­er und Zuhör­er mit ein­fachen Mit­teln sicher­lich entrückt und entzückt.
Im fol­gen­den Bicini­um, das nun eine kleine Terz höher, in C, ste­ht, wird auch ganz „sim­pel“ gear­beit­et: Die leicht kolo­ri­erte Melodie wird schlicht mit ansprechen­der Har­monik unter­legt, die in Arpeg­gios und Läufen in Sechzehn­tel­be­we­gung aufgelöst ist. In der drit­ten Varia­tion orna­men­tiert eine ruhige Ober­stimme die Weise über schlicht­en akko­rdis­chen Lig­a­turen. Das Finale, eine tänz­erische Gigue, lässt das The­ma fast volk­slied­haft aus­ge­lassen erklin­gen, ger­ahmt von Ein­leitung und Coda.
Prélude, Choral et Danse begin­nt mit einen fröh­lichem Scher­zo, bei dem eine fast durchgängige Sechzehn­tel­be­we­gung im 6/8­tel-Takt konz­er­tant-keck begleit­et wird. Das The­ma des nach­fol­gen­dem Chorals wird als Cor­net-Solo zitiert, wan­dert in den Bass ein­er akko­rdisch begleit­eten Man­u­aliter-Durch­führung und kehrt, weit­er ausor­na­men­tiert im Cor­net, erneut in die Ober­stimme zurück. Ein mitreißen­der Tanz, wie mit einem Tam­burin-Osti­na­to, begleit­et fol­gt im gle­ichen Kom­po­si­tion­ss­chema.
Bei­de Werke sind bezüglich ihres Schwierigkeits­grades leicht bis höchs­tens mit­telschw­er, also dur­chaus auch von Laien „spie­lend“ zu erar­beit­en und erfordern im Prinzip nur eine far­ben­re­iche zweiman­u­alige Orgel (ein drittes Man­u­al ist zwar in der Par­ti­tur indiziert, doch mit geschick­ter Umreg­istrierung kommt man sich­er auch ohne dieses aus!).
Stilis­tisch darf man nichts umwälzend Neues erwarten, die Kom­po­si­tion­sprinzip­i­en sind ein­fach, aber kön­ner­haft-per­fekt aus­gear­beit­et, und das Ganze klingt etwa wie die postim­pres­sion­is­tis­che Ton­sprache der eben­so pop­ulären wie meis­terlichen Impro­vi­sa­tio­nen Pierre Cochere­aus (1924–84). Die Stücke ver­leug­nen keineswegs Naji Hakims geistvoll-witziges, vir­tu­os­es Idiom. Unver­fälschter franzö­sis­ch­er Esprit, beileibe nicht nur für Domorganis­ten!

Ste­fan Kagl