Ermanno Wolf-Ferrari +
Tre pezzi per Organo
Erstausgabe, hg. von Arno Hartmann
Die Komponisten-Zeitgenossen Ferruccio Busoni (1866–1924) und Ermanno Wolf-Ferrari (1876–1948) verbindet manche Gemeinsamkeit, darunter in erster Linie die Verankerung zugleich in der italienischen wie in der deutschen Kultur. Beide wandten sich in ihrem Schaffen der Oper und der Instrumentalmusik zu, mit unterschiedlichen, bei Busoni fortschrittlicheren Akzenten. Doch als Urheber von Orgelmusik dürften sie den Wenigsten bekannt sein, so dass diese Neu-Veröffentlichungen manchem Organisten als willkommene Bereicherung des Repertoires dienen werden.
Ferruccio Busonis Präludium und Fuge in a-Moll lag freilich bereits mehrfach im Druck vor, doch mit zahlreichen Abweichungen und Fehlern im Notentext, die in der Neu-Edition Arno Hartmanns durch Vergleich mit den Autographen korrigiert wurden. Entstanden ist das Werkpaar im Jahre 1880 zum Abschluss von Busonis Kompositions- und Musiktheoriestudium in Graz und wurde seinem dortigem Lehrer Wilhelm Mayer gewidmet. Dieser zeigte sich höchst zufrieden mit der Arbeit des Schülers: „Ausgezeichnet“ fand er das Präludium, wie auf dem Autograph dokumentiert ist, und urteilte weiterhin, Busoni habe mit der Fuge „die Lehre von der Polyphonie würdig abgeschlossen“.
Zu bemerken ist, dass es sich beim so genannten „Präludium“ Busonis in Wirklichkeit um eine Passacaglia handelt, die einem anfangs zehntaktigen (und später im Schlusston gedehnten) Bassthema vier Variationen folgen lässt. Kompositions- wie spieltechnisch noch ambitionierter fällt die folgende manualiter zu spielende vierstimmige Doppelfuge aus. Hier erscheinen nicht nur zwei getrennt eingeführte, später kombinierte Themen, hinzu tritt vielmehr zeitweilig noch das Pedal mit den Zeilen eines frei erfundenen Chorals.
Die Tre pezzi per Organo Ermanno Wolf-Ferraris liegen hier dagegen in einer Erstausgabe vor. Auch sie sind ein Jugendwerk, das im Anschluss an Wolf-Ferraris Studien bei Joseph Gabriel Rheinberger 1895 in München entstand. Mit ihnen wandelt der Komponist, wenn auch in eigener Anverwandlung von Vorbildern, auf historischen Spuren. Das erste der drei Stücke ist als „Preludio“ bezeichnet, erweist sich freilich eher als ein chromatisch durchsetztes Lamento, das „Largo assai (ma rubato)“ zu spielen ist. Das Mittelstück des tonartlich auf h-Moll bzw. D-Dur zentrierten Triptychons bildet ein Triosatz, hinter dessen lyrischem Dahinfließen sich höchst kunstvolle Arbeit verbirgt: ein nahezu perfekter „Canone“ im Sekundabstand zwischen den Oberstimmen, die um einen halben Takt verschoben einsetzen. Das abschließende „Piccolo Labirinto Armonico“ (dessen Titel deutlich auf das Bach zugeschriebene „Kleine harmonische Labyrinth“ anspielt) weist immer wieder Inseln stabiler Tonalität auf, die dann umso plötzlicher durch chromatische Bewegungen und enharmonische Umdeutungen verlassen werden.
Gerhard Dietel


