Johannes Matthias Michel

Tod im Fernwerk

Roman

Verlag/Label: dition Strube, München 2022, 200 Seiten, 15 Euro
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2022/03 , Seite 59

Manch­er Orgel­bauer kann sicher­lich tre­f­flich über eige­nar­tige bis skur­rile Funde bei der Reini­gung oder Restau­rierung von Orgeln bericht­en. Eine Leiche ist aber bish­er wohl noch nicht dabei gewe­sen. Umso bemerkenswert­er ist es, dass inner­halb kurz­er Zeit gle­ich zwei Autoren dieses etwas abseit­ige Sujet für sich gefun­den haben.
Bei­de Autoren kom­men aus dem kirch­lichen Umfeld. Johannes Matthias Michel ist Kirchen­musik­er in der Mannheimer Chris­tuskirche und Pro­fes­sor für kün­st­lerisches Orgel­spiel in Mannheim und Hei­del­berg. Georg Lan­gen­horst ist Pro­fes­sor für Didak­tik des Katholis­chen Religionsunterrichts/Religionspä­dagogik an der Katholisch-Theo­l­o­gis­chen Fakultät der Uni­ver­sität Augs­burg; sein Forschungs- und Pub­lika­tion­ss­chw­er­punkt ist der Dia­log von The­olo­gie und Lit­er­atur. Michel schreibt seinen ersten Roman – das Konzept ist zwanzig Jahre alt und sollte ursprünglich dazu dienen, Men­schen für das Instru­ment Orgel zu inter­essieren. Lan­gen­horst ist bere­its erfahren darin, Men­schen im kirch­lichen Umfeld um die Ecke zu brin­gen: Er legt hier seinen fün­ften Krim­i­nal­ro­man vor. Bei­de Autoren ken­nen also ihr kirch­lich­es Milieu, wis­sen sich dort gut zu bewe­gen. Der eine ist evan­ge­lisch, der andere katholisch – und irgend­wie haben sie schon deswe­gen sehr unterschied­liche Prob­leme. Auch ihre The­men kön­nte man fast als typ­isch beze­ich­nen. Der Protes­tant sieht sich zu Fra­gen des Drit­ten Reich­es hinge­zo­gen, der Katho­lik küm­mert sich um die Frauen.
Die Geschicht­en ähneln sich: In Michels Roman Tod im Fer­n­werk find­et der zweite Or­ganist seinen ermorde­ten Chef Hanns-Dieter Gaus einige Tage nach dessen grandiosem Sil­vesterkonz­ert im Fer­n­werk der Orgel. Er merkt beim Orgel­spiel, dass die bei­den Jalousien des Schwell­w­erks nicht reagieren. Er steigt den Weg zum Fer­n­werk hin­auf und find­et seinen toten Vorge­set­zten. In Lan­gen­horsts Roman Tote Archivarin – Gute Archivarin ist der Fund der Leiche, die sich als die vor 2 ½ Jahren ver­schwun­dene Lei­t­erin des bis­chöflichen Amts für Denkmalschutz und gle­ichzeit­ig Frauen­beauf­tragte des Bis­tums ent­pup­pt, weniger spek­takulär. Vor einem Gastkonz­ert wün­scht der Organ­ist eine Führung durch die Orgel. Hin­ter ein­er ver­schlosse­nen Tür, die zuvor noch nie­mand wirk­lich wahrgenom­men hat, ent­deckt der Erkun­dungstrupp ein unbe­nutztes kleines dun­kles Käm­merchen, das ohne jegliche weit­ere Bedeu­tung für die Orgel oder die sie umgebende Kirche ist. Hier liegt eine leicht ver­weste Frauenleiche.
Um es vor­wegzunehmen: In bei­den Mord­fällen ist der Mörder nicht der Gärt­ner. Bei­de Krim­is haben einen anderen Täter zu bieten, der sich über lange Streck­en nicht in den Fokus des Lesers drängt. Erst inten­sive Ermit­tlungsar­beit und ein wenig Bauchge­fühl der Ermit­tel­nden führen am Ende zur Aufde­ckung der Tat. In bei­den Fällen ist die Auflö­sung bzw. die Bestra­fung der Ver­brech­er nicht alltäglich. Allein die Auflö­sun­gen machen bei­de Krim­is lesens- und nachdenkenswert.
Ein wahrer Orgel­lieb­haber wird wohl nicht darum herumkom­men, auch diese krim­inelle Facette seines Hob­bies oder Berufs zur Ken­nt­nis zu nehmen. Immer­hin wird sich beim Leser das eine oder andere Grin­sen ein­stellen. So spielt zum Beispiel Gaus bei Michel alljährlich im Sil­vesterkonz­ert Johann Sebas­tian Bachs Präludi­um und Fuge D‑Dur BWV 532. Ein lokaler Musikkri­tik­er mit aller­höch­ster wis­senschaftlich­er Rep­u­ta­tion kri­tisiert: „… und wieder ein­mal gelang es Gaus, den Takt aus der Fuge zu treiben: Die großar­ti­gen Repetitions­figuren stolperten gegen den metrischen Schritt.“ Wie diese ver­stolperten Rep­e­ti­tions­fig­uren aber einen Teil des Mord-Rät­sels lösen – diese Idee ist aller Ehren wert.
Lan­gen­horst schreibt pro­fes­sionell einen Krim­i­nal­ro­man, der mit dem Fund der Leiche begin­nt, her­nach die Ermit­tlun­gen beschreibt, Charak­tere aufzeigt und entwick­elt, vielle­icht einen möglichen zweit­en Höhep­unkt ver­mis­sen lässt und dann zu Lösung des Falls kommt. Klar struk­turi­ert, immer am The­ma, gut les­bar, span­nend. Bei Michel ist diese Klarheit nicht so durchgängig gegeben. Die Umwege und weit­eren The­men, die er ein­führt, sind höchst erquick­lich zu lesen, kön­nten als Stilmit­tel aber auch ohne allzu großen Span­nungsver­lust sparsamer ein­gesetzt wer­den. Michel schreibt zugle­ich einen Kri­mi, einen musikalis­chen Essay, eine Fam­i­liengeschichte (der ermit­tel­nde Kom­mis­sar ist der Brud­er des zweit­en Organ­is­ten), eine Liebesgeschichte und ver­sucht let­ztlich auch noch das The­ma „Kirchen­musik im Drit­ten Reich“ abzuar­beit­en. Tat­säch­lich ge­lingt ihm ein flüs­siger Text, der aber ger­ade bei diesem The­ma in Platitü­den und kon­spir­a­tiv­en Tre­f­fen im Keller hän­gen­bleibt. Das ist schade, denn hier ist auch heute noch manch­es an inhaltlich­er Klärung vonnöten.

Als beson­dere Zugabe liefert Mi­chel einen YouTube-Kanal („T im Fer­n­werk“), auf dem er alle im Roman erwäh­n­ten Orgelkom­po­si­tio­nen als Audio-Dateien zur Ver­fü­gung stellen will – eine wun­der­bare Hör-Ergänzung zum Roman! Bis­lang sind dort acht Kom­po­si­tio­nen zu find­en, alle von Michel selb­st einge­spielt an der Stein­mey­er- und der Mar­cussen-Orgel in der Chris­tuskirche in Mannheim, im Köl­ner Dom und auf einem Kun­sthar­mo­ni­um. Den direk­ten Bezug zum Roman­ti­tel bietet Wolf­gang Amadeus Mozarts Ada­gio für die Glashar­moni­ka, gespielt auf der Celes­ta des Fer­n­werks in der Chris­tuskirche. Dadurch dass hier allerd­ings nur ein Reg­is­ter des Fer­n­werks ver­wen­det wird und die gesamte restliche Orgel schweigt, kommt der beson­dere Raumk­lang, der durch das Fer­n­werk erzeugt wer­den kann, nicht zur Gel­tung. Dieser Raumk­lang wird aber sich­er in ein­er der noch ausste­hen­den Auf­nah­men (vielle­icht in Sigfrid Karg-Elerts Impres­sion in Des-Dur op. 86?) noch nachgeholt.

Ralf-Thomas Lind­ner