Watkins, Huw

Toccata for organ (2012)

Verlag/Label: Schott Music, ED 13538
erschienen in: organ 2014/04 , Seite 61

Der 1976 in Süd­wales geborene Huw Watkins ist ein in Organisten­kreisen bis­lang weit­ge­hend (noch) unbeschriebenes Blatt. Inner­halb der Biografie des Pianis­ten und Kom­pon­is­ten, der am welt­berühmten Kings Col­lege Cam­bridge und am Roy­al Col­lege of Music in Lon­don studiert hat, stellt die Orgel denn auch nur eine Ran­der­schei­n­ung dar. Die bei­den bei Schott Mainz edierten Stücke Pièce d’Orgue (2005) und Toc­ca­ta (2012) bleiben bis­lang die einzi­gen Schöp­fun­gen für das königliche Instru­ment. Die Toc­ca­ta wurde am 21. Okto­ber 2012 durch den Wid­mungsträger David Gra­ham an der großen A. Cavail­lé-Coll-Orgel von Saint-Sulpice in Paris uraufge­führt.

Seinen kom­pos­i­torischen Durch­bruch erlangte Watkins 1999 mit der vom Nash Ensem­ble uraufge­führten Sonata for cel­lo and eight instru­ments sowie durch seine ein Jahr später vom BBC Nation­al Orches­tra of Wales aus der Taufe gehobene Sin­foni­et­ta unter Grant Llewellyn. Endgültig etablieren kon­nte sich der Walis­er durch sein Lon­don Con­cer­to, eine Auf­tragskom­po­si­tio­nen, die das Lon­don Sym­pho­ny Orches­tra zu seinem hun­dertjähri­gen Beste­hen erteilte. Watkins lehrt derzeit als Pro­fes­sor für Kom­po­si­tion an der Roy­al Acad­e­my of Music und gilt zudem als ein­er der her­aus­ra­gen­den englis­chen Pianis­ten sein­er Gen­er­a­tion.

Eine fil­igrane, über weite Stre­cken trans­par­ente Schreib­weise – lange, ein­stim­mige Pas­sagen, auch mal zweis­tim­mig oder mit lang aus­ge­hal­tenem Orgelpunkt – zeich­net den Orgel­stil Watkins’ aus. Das pianis­tisch anspruchsvolle, jedoch weit­ge­hend „spröde“ Laufw­erk sein­er Toc­ca­ta ver­langt dabei einen fin­gertech­nisch sehr ver­sierten Spiel­er, der sich dieses auch musikalisch nicht unbe­d­ingt leicht zu erschließen­den Werks annimmt. Es schle­icht sich beim Hören der Ver­dacht ein, dass Watkins mit der Orgel als Klang­far­benin­stru­ment nicht wirk­lich ver­traut zu sein scheint. Auch der „rudi­men­täre“ Gebrauch des Ped­als ist – im Gegen­satz zu den Man­u­al­pas­sagen – vom Blatt spiel­bar. Entsprechend objek­tiviert präsen­tiert sich der Klan­greiz dieses Stücks.

War die musikalis­che Avant­garde einst auf der Suche nach ein­er neuen, „un-er-hörten“ Musik, so legt sie heute häu­fig ein merk­würdig anachro­nis­tis­ches Ver­har­ren in der Ver­gan­gen­heit­sre­flex­ion an den Tag. Wem in Bezug auf Orgel­musik Emo­tion und Sinnlichkeit grund­sät­zlich eher sus­pekt sind, der kommt hier jedoch auf seine Kos­ten. Nur: begeis­terten bre­it­en Pub­likumszuspruch darf man als Inter­pret bei diesem Werk wohl eher nicht erwarten.

Wolf­gang Valerius