Antico, Andrea & Marco Antonio Cavazzoni

The Renaissance Keyboard

Complete Keyboard Music

Verlag/Label: Brilliant Classics 95007
erschienen in: organ 2015/03 , Seite 58

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Der ital­ienis­che Organ­ist und Cem­bal­ist Fabio Anto­nio Fal­cone stellt in dieser Ein­spielung zwei kom­plette Werkzyklen von Mar­co Anto­nio Cavaz­zoni (ca. 1485–ca. 1569) und Andrea Anti­co (ca. 1480–ca. 1539) vor, die als die ersten im Druck erschiene­nen Werke seines Heimat­landes für Tas­tenin­stru­ment über­haupt gel­ten dür­fen.
Zum einen erklin­gen hier die kom­plet­ten Frot­to­la-Intavolierun­gen von Anti­co (Frot­tole Intab­u­late da Sonare Organi, 1517), die dieser zusam­men mit dem venezian­is­chen Druck­er und Ver­leger Otta­viano Petruc­ci (1488–1539) kom­piliert und veröf­fentlicht hat­te. Die Frot­to­la war eine weit ver­bre­it­ete poet­is­che Kun­st­form, in der sagen­hafte und ver­rück­te Geschicht­en in Gesangs­form vor­ge­tra­gen wur­den. Einige dieser Stücke beziehen sich auf Texte von Dichtern wie Francesco Petrar­ca (Amor quan­do fior­i­va; Dolce ire dolce sdeg­ni). Manche der intavolierten Kom­pon­is­ten wer­den im Werkindex erwäh­nt (Bar­tolomeo Trom­bon­ci­no, Mar­che­t­to Cara), weit­ere Stücke sind anony­men Ursprungs. Anti­co muss ein guter und prag­ma­tis­ch­er Musik­er gewe­sen sein, weil er sich bei weit­em nicht nur auf eine wörtliche Über­tra­gung der Orig­i­nale beschränk­te, son­dern auch eigene Diminu­tio­nen bzw. zusät­zliche Stim­men hinzufügte. 
Der zweite Zyk­lus dieser Ein­spielung stammt von Mar­co Anto­nio Cavaz­zoni, der vor allen Din­gen als höchst ange­se­hen­er Musik­er in Bologna, Urbino und Venedig erwäh­nt wird (in ein­er 1523 erschiene­nen Druck­aus­gabe von Petrar­cas Werken rühmt man ihn gar „als den ers­ten Spiel­er dieser Instru­mente, die man heutzu­tage Grav­icem­bali nen­nt“). Seine Samm­lung Recer­chari Motet­ti Can­zoni von 1523 enthält neben Tran­skrip­tio­nen weltlich­er Chan­sons auch ern­stere Musik, näm­lich jew­eils zwei Ricer­care und geistliche Motet­ten (Salve Vir­go, Stel­la maris). 
Der mit dieser Musik hör­bar bes­tens ver­traute Fabio Anto­nio Fal­cone weiß dies alles so musikan­tisch und aus­drucksvoll darzustellen, dass sich Befürch­tun­gen etwaig aufk­om­mender Langeweile angesichts dieses „ein­seit­ig“ anmu­ten­den Reper­toi­res rasch zer­streuten und man gerne auch über län­gere Stre­cken hin­weg zuhört. Kluger­weise ver­wen­det Fal­cone hier­für drei hervor­ragend geeignete Instru­mente, um klang­far­bliche Abwech­slung zu erzie­len. Die aus dem 17. Jahrhun­dert stam­mende, mit­teltönig ges­timmte Orgel der Kirche San Giu­seppe in Mon­tevec­chio di Per­go­la erklingt sehr frisch und in ihren ver­füg­baren Klang­far­ben fan­tasievoll einge­set­zt (beson­ders reizvoll der Vogelschrei Ucel­liere!); zwei besaitete Tas­ten­instrumente nach zeit­genös­sis­chen venezian­is­chen Meis­­tern (Cem­ba­lo nach Alessan­dro Tra­sunti­no, polyg­o­nales Vir­ginal nach Domen­cio da Pesaro) bere­ich­ern mit intimer Klan­glichkeit und noblem Charak­ter die schöne Inter­pre­ta­tion Fal­cones. Das Klang­bild der Auf­nahme ist sehr natür­lich, die infor­ma­tiv­en Texte des Aus­führen­den sind lediglich in englis­ch­er Sprache abge­druckt.
 
Chris­t­ian Brem­beck