The Oxford Book of Ceremonial Music for Organ, Book 2

Compiled by Robert Gower

Verlag/Label: Oxford University Press
erschienen in: organ – Journal für die Orgel 2020/01 , Seite 57

„Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen, und jeder geht zufrieden dann nach Haus.“ Die geflügelten Worte des Theaterdirektors aus dem Vorspiel von Goethes Faust lassen sich ohne Mühe auch auf die vorliegende Sammlung übertragen. Englische Editoren von Orgelmusik-Sammlungen beweisen in britischen Verlagen seit vielen Jahren ein praktikables Händchen für Stücke, die auch für den „kontinentalen“ Organisten anregend sind und sein konzertantes wie liturgisches Repertoire mit frischem Wind von der Insel versorgen.
Dass sich bisweilen eine „splendid isolation“ in der Bevorzugung überwiegend britischer Komponis­ten aus Barock, Romantik und gemäßigter Moderne einstellt, kann man getrost akzeptieren, schließlich scheint die 134 Seiten umfassende Sammlung nationale Ressourcen ans Licht bringen und verborgene Schätze heben zu wollen. Alte Vertraute erscheinen da, wie Edward Elgar mit seinem Solemn Prelude from „For the Fallen“ oder E. B. Farrar mit Elegy und auch manch marschmäßige Impressionen von Percy Whitlock (Rustic Cavalry) und Humphrey Stewart (Spanish Military March). Ja sogar John Philip Sousas The Washington Post March zeigt genuine Vorliebe für den US-amerikanischen Verwandten.
Der Herausgeber Robert Gower (nach eigenen Angaben „Freelance Composer, compiler and editor“) hat sich geschickt befleißigt, viele primär der Orgel nicht zugedachte Stücke klangsinnig zu arrangieren, aber auch manche Originalstücke bekannter Komponisten wie Peter Hurford und Francis Jackson aufzunehmen, durchbrochen wiederum durch Arrangements, beispielsweise von John Irelands gefühlvoll-spätromantischer Elegy. Es ergibt sich dadurch für den nunmehr abgekoppelten „EU-Organisten“ auch ein trefflicher Einblick in die englische Kathedralmusik und deren Aufführungspraxis.
In dieser dürfen natürlich Klassiker der gemeinsamen Vergangenheit nicht fehlen. Erzvater Bach eröffnet den Reigen mit seiner Magnificat-Fuge BWV 733, gefolgt von Händel-Bearbeitungen (u. a. die effektvoll übertragene Ouvertüre zu Saul). Schuberts „Ständchen“ hat sich mitt­lerweile bei Kasualien ebenso eingebürgert wie Debussys Clair de lune, sogar der Provençale und Bläserkammermusik-Spezialist Eugène Bozza ist mit einer impressionis­tisch gefärbten Aria vertreten. Alte deutsch-englische Gemeinsamkeiten werden durch Max Regers im Original gleichermaßen mit God save the King wie Heil dir im Siegerkranz betitelter Fuge (1901 anlässlich des Todes von Queen Victoria komponiert, wobei der Herausgeber im Untertitel bezeichnenderweise nur English National Anthem angibt) ebenso beschworen wie durch Piuttis Präludium über „Nun danket alle Gott“. Selbst Charakterstücke wie Kodálys „Intermezzo“ aus der Hary-Janos-Suite und Skrjabins larmoyante Étude op. 2 Nr. 1 schmü­cken den Band, nach dem Motto „anything goes“ wird es nur überzeugend und im supranationalen Sinne passfertig gemacht.
Ein klarer, zum Spielen einladender, sauber eingeteilter Notensatz, gute Druckqualität und ein die Intention des Herausgebers überzeugend darlegendes Vorwort schmü­cken diese praktische Edition.


Wolf Kalipp