Hannes Ludwig (Hg.)

The Genius of Hill & Son

An Aural Perspective 1832–1915

Verlag/Label: 3 CDs, Selbstverlag Hannes Ludwig (2025)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2025/04 , Seite 59

Bewertung: 4 von 5 Orgelpfeifen

Eine Umfrage unter mehreren befreundeten Organisten zeigte, dass die englische Orgelbaufirma Hill & Son (zumindest in meinem Umfeld) niemandem etwas sagt, obwohl sie laut Wikipedia eine der „wichtigsten britischen Orgelbaufirmen des 19. Jahrhunderts“ neben Henry Willis & Son gewesen sein soll. Selbstverständlich ist diese Umfrage alles andere als repräsentativ, deutet aber doch darauf hin, dass englische Orgelbauer kein besonders großes Inte­­resse hierzulande hervorrufen. Die vorliegende verdienstvolle Veröffentlichung einer umfassenden Retrospektive auf drei CDs des Herausgebers Hannes Ludwig möchte diesen Zustand ändern.
Die Firma Hill wurde von drei Generationen geprägt: von William (1789–1870), dem „Vater der Victorianischen Orgel“, seinem Sohn Thomas (1822–93) und dem Enkel Arthur George Hill (1857–1923). Das bedeutendste Werk der Firma, die vor allem in Großbritannien und Australien wirkte, war die damals größte Orgel der Welt in der Sydney Town Hall (1889). Nur wenige Orgeln der Firma haben bis heute im Originalzustand überlebt, die meisten wurden im 20. Jahrhundert dem Zeitgeist angepasst, viele wurden auch durch Neubauten ersetzt. So kommt den wenigen erhaltenen Orgeln der Firma, die auf dieser Dokumentation zu hören sind, umso größere Bedeutung zu.
Das Repertoire der Edition bildet ein bunter Strauß an Bekanntem und Unbekanntem, von Bach über Mendelssohn bis Vierne. Besonderes Interesse rufen Werke englischer Komponisten hervor: natürlich Edward Elgar, aber auch Samuel Wesley, Arthur Sullivan, Charles Villiers Stanford und Herbert Howells sowie einige kleinere zeitgenössische Werke. Auf den ersten beiden CDs werden Aufnahmen der Jahre 1993 bis 2023 von unterschied­lichen Organisten an verschiedenen kleinen und großen Hill-Orgeln präsentiert. Auf der dritten CD sind historische Aufnahmen zu hören, darunter als Kuriosum ein kaum erkennbarer Teilausschnitt aus Mendelssohns Hochzeitsmarsch aus dem Jahr 1890 (!). Am spannendsten sind Marcel Duprés Aufnahmen an der zerstörten Londoner Queens-Hall-Orgel aus den späten 1920er Jahren. Erhellend ist zudem, wie flott man damals Werke von J. S. Bach interpretiert hat, z. B. Ernest Bullock 1931 an der 1937 ersetzten Hill-Orgel von Westminster Abbey.
Das englischsprachige Booklet ist grafisch nicht auf dem allerneuesten Stand, bietet aber ausführliche Informationen zu den jeweiligen Orgeln samt Dispositionen und Abbildungen. Unverständlich ist, dass Zeitangaben zu den eingespielten Stücken fehlen. Das unterschied­liche Interpretationsniveau und die schwankende Aufnahmequalität werden allerdings durch den hohen editorischen Wert und das fühlbare Herzblut des Herausgebers aufgewogen.
Der Erlös der CD-Edition ist übrigens für die Restaurierung des Grabes von William Hill auf dem Highgate Cemetary in London bestimmt. Im Dezember erscheint ergänzend ein 530-seitiges, reichlich bebildertes Buch zur Geschichte der Firma, ebenfalls von Hannes Ludwig herausgegeben.

Christian Münch-Cordellier

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