Karg-Elert, Sigfrid

The Complete Organ Works, Volume 10

Verlag/Label: Priory PRCD 1074
erschienen in: organ 2014/02 , Seite 54

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„Als Regers Choralvor­spiele veröf­fentlicht wur­den, zogen wir unsere Hüte vor Ehrfurcht, als aber Sigfrid Karg-Elerts Choral-Impro­vi­sa­tio­nen erschienen, war­fen wir sie vor Freude in die Luft.“
Dieses Bon­mot ist durch Sigfrid Karg-Elerts englis­chen Biografen G. Sceats über­liefert; for­muliert hat es Har­vey Grace, der in Deutsch­land auch durch seine Nov­el­lo-Aus­gaben der Rhein­berg­er-Sonat­en und ein dazu gehören­des, noch immer lesenswertes Buch bekan­nt wurde. Hüb­sch gesagt! Darin drückt sich nicht nur ein Geschmack­surteil aus: Dass Max Reger eher als hässlich­er Deutsch­er wahrgenom­men wurde, ist eben­so gewiss wie der – par­don! – deut­lich höhere Spaß­fak­tor in Karg-Elerts op. 65. Eine so graz­iöse Fu­ghette wie op. 65/Nr. 23 (Allein Gott in der Höh …), ein so kom­prim­iert­er Os­terjubel wie in Nr. 25 (Erschienen ist …) oder die illus­tra­tive Film­musik in Nr. 33 (Wachet auf )
– alle in Heft III – oder das fil­igrane Herr, wie du willst (IV/36), die Pas­sacaglia über Jesu, meine Freude (Nr. 38) oder der san­ft leuch­t­ende Mor­gen­stern (44): Das muss erst ein­mal jeman­dem einfallen!
Tat­säch­lich spielt das Moment des glück­lichen, aparten oder auch orig­inellen Ein­falls bei Karg-Elert (1877–1933) eine ungle­ich höhere Rolle als bei Reger, der auch schon mal weit­er­schreibt, wenn ihm nichts ein­fällt. Gle­ich­wohl: Freuen wir uns, dass wir bei­de haben! Und freuen wir uns, dass mit Ste­fan Engels ein kom­pe­ten­ter Inter­pret sich der Gesamtwerks von „Sigfrid“ angenom­men hat. Auf zehn CDs hat er es vorgelegt, alle­samt auf opti­malen Orgeln (ja, die gibt es tat­säch­lich). Dass Engels in Leipzig lehrt und auch in den USA tätig war, ist eben­falls stim­mig: Leipzig (genauer: Straube cum suis) hat an Karg-Elert eine Menge gutzu­machen. Unsere anglo-amerikanis­chen Kol­le­gen ha­ben ihm über die Jahrzehnte hin die Treue gehal­ten, während er hierzu­lande dop­pelt ver­femt war: ein­mal als Kom­pon­ist, der über den Zaun blick­te (Opus 65 ist Alexan­dre Guil­mant gewid­met), zum anderen als ver­meintlich­er „Jude“.
Die Orgel von St. Georg in Ulm (45/III/P; 1904 von Wal­ck­er gebaut; 2004 von Kuhn restau­ri­ert) ist für Opus 65 wie geback­en. Höchst erfreulich, diese CD!

Mar­tin Weyer