Buxtehude, Dieterich

The Complete Organ Music

Verlag/Label: 6 CDs, DaCapo 8.206005 (2016)
erschienen in: organ 2016/02 , Seite 56

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Die dänis­che Organ­istin Bine Katrine Bryn­dorf hat hier eine empfehlenswerte Bux­te­hude-Ein­spielung auf einem qual­i­ta­tiv außer­ordentlich hohen Niveau vorgelegt. Die Inter­pretin meis­tert dabei alle für ein solch­es Unternehmen nöti­gen auf­führung­sprak­tis­chen Her­aus­forderun­gen: eine ele­gante, gle­ich­mäßige Anschlagskul­tur, ein fließen­des Fortschre­it­en beton­ter und unbe­ton­ter Tak­t­teile, eine wohlüber­legte, reich­haltig aus­gestal­tete Orna­men­tik und die Wahl charak­ter­voller Reg­istrierun­gen, bei denen markante Mis­chun­gen mit Zun­gen­reg­is­tern eine zen­trale Rolle spie­len. Zugle­ich stellt Bryn­dorf bei ihrer Ein­spielung ein­drucksvoll klar, dass diese Para­me­ter zu ihrem Handw­erk­szeug gehören und damit jen­seits der Gren­ze bleiben, hin­ter der das Inter­pretieren erst begin­nt – ein bei der Darstel­lung Alter Musik oft ver­nach­läs­sigter Aspekt. Ihre Inter­pre­ta­tio­nen zeich­nen sich durch einen vir­tu­osen Zugriff sowie durch eine flex­i­ble und expres­sive indi­vidu­elle Rhetorik aus. So kann man sich das Album mit Genuss und Gewinn anhören, ohne in allen auf­führung­sprak­tis­chen Details mit der Inter­pretin übere­in­stim­men zu müssen.
Die prob­lema­tis­chen, satztech­nis­che, motivis­che, har­monis­che oder for­male Details betr­e­f­fend­en Fehlstellen des Quel­len­textes, die man nach einiger Erfahrung mit diesem Reper­toire nicht ohne ord­nende Ein­griffe spie­len möchte, wer­den von Bryn­dorf nicht kor­rigiert, son­dern lediglich „ver­wal­tet“. Bei Echo­episoden wäre zu wün­schen gewe­sen, dass die Abstände von Vor­bild zu Echo und Echo zu fol­gen­dem Vor­bild nicht gle­ich, son­dern in let­zterem Fall länger genom­men wor­den wären; einige Echos sind lauter als das jew­eilige Vor­bild re­gis­triert. Bine Bryn­dorf verzichtet weit­ge­hend darauf, den Nach­hall des Kirchen­raums in ihre Inter­pre­ta­tio­nen kreativ mit einzubeziehen, so dass die bei Bux­te­hude so wichti­gen Ex­­cla­ma­tio-Floskeln manch­mal zu mager ger­at­en oder gar nicht stat­tfind­en; auch die Abgren­zung einzel­ner Episo­den voneinan­der ist nicht immer gegeben. Die Reg­istrierun­gen fol­gen nicht unbe­d­ingt dem Ken­nt­nis­stand über die ba­rocke nord­deutsche Reg­istri­er­prax­is oder werk­immanenten Kri­te­rien, son­dern erweisen sich eher als ein far­ben­fro­hes Kalei­doskop, das die durch Prospekt und tech­nis­che Anord­nung gegebene Klan­gar­chitek­tur nord­deutsch­er Barock­o­rgeln nur bed­ingt wider­spiegelt. Dadurch ver­schwim­men aber auch die gat­tungstyp­is­chen Gren­zen zwi­schen den Klang­pro­filen von Episo­den im freien und solchen in gebun­den­em Stil sowie zwis­chen freien Orgel­w­erken und Choral­bear­beitun­gen „auff 2 Clavir“.
Den ansprechend­sten Ein­druck ver­mit­teln die bei­den Orgeln in St. Jako­bi, Lübeck; die Schnit­ger-Or­gel der Ham­burg­er Haup­tkirche St. Jaco­bi wirkt dage­gen in dieser Auf­nahme eher blass. Anders die drei nach his­torischen Vor­bildern gebaut­en Orgeln in St. Marien (Elsi­nor), St. Marien (Hels­ing­borg) und St. Gertrud (Stock­holm): Sie klin­gen fast etwas „hyper­barock“. Ein mon­u­men­taler „kathe­draler“ Zugriff find­et sich bei dieser respek­tablen Ein­spielung nicht. Man erhält hier eher den Ein­druck von Bux­te­hude als einem ele­gan­ten Kom­pon­is­ten mit Esprit.

Wol­fram Syré