Te Deum

Peteris Vasks – Organ Works. Te Deum / Viatore / Canto di forza / Musica seria / Cantus ad pacem

Verlag/Label: Alba ABCD 325 (2011)
erschienen in: organ 2012/03 , Seite 54

3 von 5 Pfeifen

Was für den Esten Arvo Pärt gel­ten mag, hat ähn­lich wohl auch für den Let­ten Pe¯teris Vasks Gültigkeit: Kom­ponieren ist für den Predi­ger­sohn aus Kur­land let­ztlich ein „Dia­log mit Gott“. Dies zumal, wenn er für die Orgel kom­poniert, die ihm als aus­drucksmächtig­stes aller Instru­mente erscheint. Diesen Ein­druck dürfte die zu Recht welt­berühmte, seit über 125 Jahren nahezu unver­fälscht erhal­tene Orgel Eber­hard Friedrich Wal­ck­ers im Dom zu Riga mit ihrem faszinieren­den Klan­gre­ich­tum nur ver­stärken. Ein dort leben­der Kom­pon­ist, find­et Vasks, sei ger­adezu verpflichtet, für dieses Werk zu schreiben. 1883 erbaut und im Jan­u­ar 1884 eingewei­ht, ver­fügt diese deutsch-roman­tis­che „Köni­gin“ der baltischen Orgel­land­schaft über vier Man­uale, Pedal/Schwellpedal, 124 Reg­is­ter und 6718 Pfeifen …
Tuo­mas Pyrhö­nen aus Helsin­ki erweist sich auf dieser Ein­spielung als ein über­aus feinsin­niger Inter­pret, der sich mit geboten­er Diskre­tion der andachtsvoll verk­lärten oder auch emphatisch auf­brausenden Orgel­musik des elo­quenten Rigaer Klang­predi­gers annimmt.
Die fünf 13 bis 18 Minuten lan­gen Orgel­stücke der CD repräsen­tieren das gesamte bish­erige Schaf­fen des Let­ten für Orgel solo, das zwis­chen 1984 und 2006 ent­stand. Pyrhö­nen, der an der Sibelius-Akademie und bei Ludger Lohmann in Stuttgart studierte, begin­nt sein Recital mit dem hym­nis­chen Gottes­lob Te Deum von 1991: eine Choral­fan­tasie ohne Choral, kön­nte man sagen (wed­er gre­go­ri­an­isch noch protes­tantisch), inniges Dankge­bet für die wieder­erlangte Unab­hängigkeit Let­t­lands. Modal getönt, doch mit strahlen­dem G-Dur-Schluss.
Die zehn Jahre später kom­ponierte, Arvo Pärt gewid­mete „Wan­der­er-Fan­tasie“ Via­tore deutet den Erden­wan­del eines Men­schen an, der sich auf seinem Lebensweg vom Ster­nen­licht des Uni­ver­sums erleuchtet fühlt. Indem sich eines der The­men vari­ierend entwick­elt, zeich­net es gle­ich­sam die Wach­s­tums- und Alter­sringe des Wan­der­ers. Das unverän­der­liche, still entrück­te Kon­trast­the­ma kün­det von der zeit­losen Ewigkeit Gottes.
Can­to di forza (2006) ist ein aus­gedehn­ter Klagege­sang ohne Worte. Gebet­sar­tig begin­nend und zu vier­fachem Forte aufrauschend, gle­icht seine Form zwei einan­der über­rol­len­den Wellen. Das 1988 (also zwei Jahre vor der „Sin­gen­den Revolu­tion“) kom­ponierte und 2008 über­ar­beit­ete Orgel­stück Musi­ca seria spiegelt in sein­er durchgängi­gen, ei­nem lamen­toar­tig absteigen­den Motiv entsprin­gen­den Chro­matik die lei­di­gen Lebens­be­din­gun­gen in der End­phase der Sow­jetherrschaft. Vasks zufolge zeigt das Stück einen schwarzen Him­mel mit einem dün­nen Licht­strahl der Hoff­nung.
Der Can­tus ad pacem von 1984, mit dem das Pro­gramm schließt, ist ein klang­mächtiges, auf drei The­men gestütztes Konz­ert für Orgel: eines würde­voll, aber trau­rig, das andere hell, ver­spielt und voge­lar­tig (mit Vogel­laut­en chiffrierte Vasks damals die Frei­heitssehn­sucht seines Volkes), das dritte anges­pan­nt und unheilkün­dend. Im Fuga­to der Charak­tere versinnbildlicht es die Kräfte des Bösen – lies: die Panz­er­rohre und die schwarzen Bar­rette der Okku­pa­tion­sarmee.

Lutz Lesle