Feller, Harald

Te Deum (1987/2010) für Orgel

Verlag/Label: Schott Music, ED 20837
erschienen in: organ 2011/02 , Seite 60

 

Das bish­erige Gesamt­opus des 1951 gebore­nen Organ­is­ten und Münch­en­er Hochschullehrers Har­ald Feller verze­ich­net unter­schiedlich­ste Gat­tun­gen bis hin zur großen Orches­terbesetzung. Sein Kom­po­si­tion­sstil entwick­elte sich in der Auseinan­der­set­zung „mit der Musik Mes­si­aens und Alains, aber auch mit dem gre­go­ri­an­is­chen Cho­ral, in­di­scher Musik und manch­er Rhyth­men des Jazz“.
Emo­tion­al aufrüt­tel­nd, mit rez­i­ta­­tivisch-impro­visatorischem Ges­tus (frei im Vor­trag) begin­nt Fellers Te Deum für Orgel und ver­weist in der rhap­sodis­chen Fak­tur auf die großan­gelegten Choral­para­phrasen des Paris­er Expres­sion­is­ten Tourne­mire bzw. seines Nach­fol­gers am Spieltisch von Sainte-Clotilde Jean Langlais. Auch in sein­er har­monis­chen Sprache nähert sich der bewusst der Tonal­ität verpflichtete Feller der Stilis­tik bei­der franzö­sis­ch­er Meis­ter hör­bar an. Über­raschend wird im drit­ten Takt ein ein­tak­tiges, ener­gisch-rhyth­mis­ches Grund­mod­ell exponiert, das – wie ein Mantra – viel­mals wieder­holt einen Großteil des ins­ge­samt 24 Druck­seit­en umfassenden Stücks durchzieht.
Betra­chtet man die Par­ti­tur näher, so fällt die polyrhyth­mis­che Struk­tur ins Auge, die trotz synkopis­ch­er Akzentver­schiebun­gen eine durchge­hende Sechzehn­tel­be­we­gung inner­halb des Viervier­tel-Grund­met­rums entste­hen lässt. Als melodis­che Keimzelle des Stücks dient dem Kom­pon­is­ten das Anfangsmo­tiv der all­bekan­nten gre­go­ri­an­is­chen „Te Deum“-Melodie (mit den Inter­vallen kleine Terz und große Sekunde). Ein­fall­sre­ich und fan­tasievoll va­riiert Feller das Vier­ton­mo­tiv, lässt es in allen Stim­men – aug­men­tiert, diminuiert, par­al­lel­ge­führt – in motorisch­er Bewe­gung wieder und wieder erscheinen. Die osti­nat­en Rhyth­men ver­stärken den lin­earen, span­nungsvollen Auf­bau, zumal Feller in seinen Reg­istri­er­an­weisun­gen wirkungsvoll die dynamis­chen Ressourcen mod­ern­er, sym­phonisch ori­en­tiert­er Orgeln auszunutzen weiß und noch steigert. Ein kurze Unter­brechung der ent­fes­sel­ten „eksta­tis­chen Inten­sität“ markiert eine mit „Ruhig“ über­schriebene Episode: Kantable kanon­is­che Ele­mente zwi­schen link­er und rechter Hand wer­den von schnellen orna­men­tal­en Sechzehn­tel-Tri­olen umspielt. Hier deutet sich erst­mals das epis­che Moment des Ambrosian­is­chen Lobge­sangs in sein­er Weite an. Vir­tu­os-toc­catis­che 32s­tel-Quin­tolen über­lagern diesen jedoch schon bald und leit­en über in die eksta­tis­che Reprise („Schneller“). Ful­mi­nant und effek­tvoll schließt das Stück mit ein­er unver­mit­telt-vir­tu­osen Arabeske, die in einen har­monisch angere­icherten Dur-Akko­rd im fff des vollen Werks mün­det.
Zweifel­los ist Har­ald Feller hier eine sehr per­sön­liche und bemerkenswerte „Te Deum“-Paraphrase für die Orgel gelun­gen, die nicht zulet­zt auf­grund der klaren Struk­turen der gemäßigt mod­er­nen Ton­sprache überzeugt. Das Werk ver­langt nach einem tech­nisch – und vor allem rhyth­misch! – ver­sierten Spiel­er. Der Noten­text ist, wie bei Schott gewohnt, über­sichtlich gestal­tet und daher durch­weg gut les­bar. Das Stück rech­net im Übri­gen mit einem (min­destens) dreiman­u­ali­gen sym­phonisch aus­gelegten Instru­ment (HW, POS, SW).
Jür­gen Geiger