Lambert Kleesattel (*1959)
Tanz-Album
12 Tänze für Orgel solo
Lambert Kleesattel hat mit seinem Tanz-Album einen bemerkenswerten Band vorgelegt. Kleesattel hat in Köln Tonsatz, Klavier und Kirchenmusik studiert und unterrichtet als Dekanatskantor an St. Andreas in Wesseling Tonsatz im Rahmen der Ausbildung nebenberuflicher Kirchenmusiker.
Die Frage „Tänze für die (Kirchen-) Orgel?“ des Vorworts übersieht eine lange Tradition, die ihren Höhepunkt nach der Französischen Revolution erlebte. Symphonische Scherzi (Guilmant, Salomé), Menuetti (Salomé, Calkin, Silas, Smart, Tours) und Walzer (Clark, Hollins) waren ebenso Standard wie die Pièces de Salon (Lefébure-Wély, Loret) für Orgel und orgelähnliche Instrumente. In Norditalien wurden Ballabiles, Märsche, Polkas und Walzer (Pagani, Rossini, Saragozza) obligatorisch nach der Messe gespielt. Hinzu kommen Stücke wie Elfentanz (Johnson), oder – in Bearbeitung – Marionette und Nola (Arndt). Derartige Stücke wurden wie im Fall Kleesattel der Orgel aus musikalischen Beweggründen gewidmet. Das im Vorwort angedeutete Interesse von klerikaler Seite hingegen, die Vermittlung spiritueller Werte durch ein sich „Schmücken mit fremden Federn“ zu verwässern, ist an anderer Stelle kritisch zu diskutieren.
Kleesattels Band wird eröffnet mit drei leicht kurzatmigen Volkstänzen. Darauf folgen neun Tanzsätze mit einem beachtlichen Format. Der Ragtime ist verblüffend originell und authentisch. Beguine ist ein sentimentales Cantilène-Stück. Der Saltarello ist traditionell angelegt und sehr spielfreudig. Unerwartet dann: kein spanischer, sondern ein argentinischer Tango. Der Walzer ist ein sehr ausführliches Stück mit geschickt platzierten Dissonanzen. Der Langsame Walzer besticht durch eine ausgeklügelte und expressive postromantische Harmonik. Der Titel Gregory’s Boogie ist ein Hinweis auf die Thematik dieses Stücks, in dem die gregorianischen Hymnen „Lauda Sion salvatorem“ und „Factus es repente“ verarbeitet sind. Dieser Boogie-Woogie hat das rasante Profil einer Toccata und klingt – wie alle Tänze – sehr authentisch.
In summa: Die Charakteristik jedes einzelnen Tanzes ist überaus präzise getroffen, die Harmonik ist durchweg hochprofessionell. Das Durchspielen dieses interessanten Albums bereitet Vergnügen – ganz wie sich das dessen Autor im Vorwort wünscht. Dabei stellt sich aber auch der Eindruck eines „cum grano salis“ ein. Die spieltechnischen Anforderungen sind nämlich nicht hoch, und damit wird deutlich, dass sich dieses Repertoire in erster Linie nicht an den professionellen Organisten wendet. Die Satztechnik ist solide, nicht weniger, aber mit Rücksicht auf eine leichte Ausführbarkeit auch nicht mehr. Das wird z. B. bei einigen satztechnischen Schlichtlösungen in dem schönen Boogie-Woogie deutlich. Trotz aller Originalität und allem Innovativen bleiben die Stücke dieser Sammlung wohlproportioniert, jedoch ohne die kompositionstechnisch expressiven Momente, durch die sich die oben zitierten romantischen Stücke dieses Genres auszeichnen. Aber nichts für ungut: Chapeau und Empfehlung.
Wolfram Syré


