Synagogalmusik, Band 1

Moritz Deutsch: 12 Präludien nach alten Synagogenintonationen für Orgel, bearb. von Martin Wenning

Verlag/Label: Edition Merseburger 1865
erschienen in: organ 2012/02 , Seite 57

Mit der neuen Rei­he Syn­a­gogal­musik untern­immt der Merse­burg­er-Ver­lag einen Ver­such, den Blick auf ein bish­er eher ver­nach­läs­sigtes Kapi­tel der Musikgeschichte zu richt­en und Musik zu veröf­fentlichen, die für die jüdis­che Liturgie und Orgeln in Syn­a­gogen bes­timmt war.
Infolge der jüdis­chen Aufk­lärung (Haskalah) in Europa kam es seit Beginn des 19. Jahrhun­derts neben der Reformierung textlich­er Tra­di­tio­nen, sprach­lich­er Assim­i­la­tion (vor allem in deutschsprachi­gen Län­dern) auch zur Mod­ernisierung der Gottes­di­en­ste, wodurch nun auch west­liche Kun­st­musik, so auch Orgeln und Orgel­musik, Ein­gang in die lib­eralen Syn­a­gogen fan­den. Mit diesen Neuerun­gen und dem gle­ichzeit­i­gen Wider­stand jüdis­ch­er Tra­di­tion­al­is­ten vol­l­zog sich die Spal­tung des Juden­tums in Ortho­dox­ie und neue lib­erale Rich­tun­gen. Durch die neue Rolle des Kan­tors (anstelle des tra­di­tionellen Chasans, der sich vor allem durch seine litur­gis­chen Ken­nt­nisse ausze­ich­nete) entwick­elte sich ein eigenes musikalis­ches Reper­toire für lib­erale Gemein­den: die unbe­gleit­ete Impro­vi­sa­tion ver­schwand allmäh­lich zugun­sten metrisch gebun­den­er, notiert­er Melo­di­en mit Begleitung von Klavier, Har­mo­ni­um oder Orgel.
So ent­standen zunehmend vom roman­tis­chen Musik­stil bee­in­flusste Kom­po­si­tio­nen, die auf der Basis wes­teu­ropäis­ch­er Kul­tur aufge­baut waren, wie die Werke der jüdis­chen Kan­toren Salomon Sulz­er (1804–90), Moritz Deutsch (1818–92) Louis Lewandows­ki (1821/23–94) oder des jüdis­chen Kom­pon­is­ten, Klavier­lehrers und Organ­is­ten deutsch-böh­mis­ch­er Nation­al­ität Josef Löw (1834–86). 
Danach, um 1900, began­nen jüdis­che Kom­pon­is­ten, in ihrer Vokal- und Instru­men­tal­musik, in Kam­mer­musik und Orch­ester­w­erken, das Ver­hält­nis zeit­genös­sis­ch­er wes­teu­ropäis­ch­er Kom­po­si­tion­sstile und östlich­er Ele­mente litur­gisch geprägter tra­di­tioneller Melo­di­en neu zu definieren. Das stärkere Ver­ständ­nis jüdis­ch­er Iden­tität führte zu ein­er bewussteren Verbindung west­lich­er Kun­st­musik mit jüdis­chen Tra­di­tio­nen wie der hebräis­chen Psalmodie und der bib­lis­chen Kan­til­la­tion, ihre Werke wur­den nun auch in Konz­ert­sälen präsen­tiert.  
Die Rei­he Syn­a­gogal­musik begin­nt mit 12 Prälu­di­en nach alten Syn­a­gogal­in­to­na­tio­nen (aus den litur­gis­chen Kon­tex­ten von Sch­a­batt, Pes­sach, Schawuot, Sukkot, zur Tem­pel­wei­he und Tem­pelz­er­störung, Rosch ha-Schana und Jom Kip­pur) von Moritz Deutsch. Sie basieren auf litur­gis­chen Gesän­gen wie Adir Hu, Al Harischon­im, Ana und Hodu, Ki Mizion, Maos Zur, Barechu, Sch’ma Jis­rael, Jasch­bi­enu und Selach Na.
Diese dur­chaus reizvollen und abwech­slungsre­ichen Stücke unter­schei­den sich kaum von der litur­gis­chen Gebrauchsmusik des 20. Jahrhun­derts, wie wir sie von christ­lichen Kom­pon­is­ten der Roman­tik ken­nen; nur das let­zte Präludi­um ist kom­pos­i­torisch ambi­tion­iert­er und in zwei kon­trastri­eren­den Teilen etwas größer angelegt. Moritz Deutsch hat­te in Bres­laus neuer Syn­a­goge (1872 eingewei­ht, sie war die zweit­größte nach der Berlin­er neuen Syn­a­goge und eine der prachtvoll­sten im dama­li­gen deutschen Reichs­ge­bi­et) mit zwei Man­ualen und dreißig Reg­is­tern nur eine rel­a­tiv beschei­dene Orgel zur Ver­fü­gung; dage­gen fan­den sich seit der Mitte des 19. Jahrhun­derts in vie­len Syn­a­gogen wesentlich größere Instru­mente. 
Deutschs 12 Prälu­di­en waren ursprünglich für Orgel oder Pianoforte bes­timmt und daher auf nur zwei Sys­te­men notiert; vielle­icht hätte man es dabei belassen kön­nen, dies würde die Aus­führung  ohne Ped­al vere­in­fachen; umgekehrt dürften geschick­te Organ­istin­nen und Organ­is­ten doch ohne weit­eres eine Ped­al­stimme aus zwei Sys­te­men her­ausziehen kön­nen.
Dies gilt auch für Band 2 der Rei­he mit 10 Impro­vi­sa­tio­nen op. 541 von Josef Löw, wobei sich hier zusät­zlich noch einige sehr schöne und über­raschende Mod­u­la­tio­nen find­en, die dieser Musik eine beson­dere Würze ver­lei­hen. Von Löw sind 680 Opuszahlen bekan­nt; neben Stück­en für Klavier, Orgel und Har­mo­ni­um find­en sich auch Werke für Orch­ester wie die Neuen Ungarischen Tänze oder die Böh­mis­chen Tänze sowie Chor­musik und päda­gogische Arbeit­en.
Dem Her­aus­ge­ber und den musik­wis­senschaftlichen Beglei­t­erin­nen der neuen Rei­he, namentlich Tina Frühauf (New York), Inga Hardt (Leipzig) und Mar­tin Wen­ning (Kas­sel), sei die Ini­tia­tive gedankt. Es mögen viele weit­ere Bände Syna­gogalmusik fol­gen! 

Torsten Laux