Mendelssohn Bartholdy, Felix

Sonatas for Organ

Verlag/Label: Alba Records ABCD 324 (2011)
erschienen in: organ 2011/04 , Seite 47

Bew­er­tung: 3 Pfeifen

Die Sechs Sonat­en op. 65 von Felix Mendelssohn Bartholdy gehören heute zu den Fix­punk­ten des Orgel­reper­toires aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhun­derts. Einge­denk der Tat­sache, dass es die roman­tis­che Orgel zur Entste­hungszeit dieser Opus­num­mer noch gar nicht gab, schrieb Mendelssohn seine in vie­len Details bere­its deut­lich in die Zukun­ft ver­weisende Orgel­musik zunächst für die herge­brachte spät­barocke Orgel, die auf­grund fehlen­der dynamis­ch­er Dif­feren­zierungsmöglichkeit­en den musikalis­chen Zeitvorstel­lun­gen nur noch bed­ingt entsprach. Mithin sind Mendelssohns Orgel­w­erke in gewiss­er Hin­sicht kom­pos­i­torische Anachro­nis­men: im Geiste ein­er roman­tis­chen Idee verpflichtet, geschrieben für ein damals überkommenes Instru­ment.
In Bezug auf Mendelssohns Orgelschaf­fen ist ger­ade bei nicht angel­säch­sis­chen Inter­pre­ten ein gewiss­er Eskapis­mus zu beobacht­en. Offenkundi­ge Evi­den­zen wer­den schlicht ver­drängt, nur um das tradierte, liebge­wonnene (Klis­chee-) Bild zu wahren. So wird geflissentlich über­sehen, dass Mendelssohns Sonat­en größ­ten­teils aus Gele­gen­heit­sar­beit­en „zusam­mengestück­elt“ sind. Und dass Mendelssohn das Zusam­men­stellen sein­er Sonat­en, die ursprünglich eine Samm­lung von Vol­un­taries ergeben soll­ten, gar seinem Ver­leger über­ließ, dürfte beze­ich­nend sein für den Wert, den er selb­st diesen seinen Orgel­stück­en und auch der Orgel beimaß.
Jan Lehto­la rückt den Sonat­en, die er dra­matur­gisch neu geord­net hat, zwar mit beherztem Spiel zu Leibe, bewegt sich jedoch stets im Hin­blick auf die Reg­istrierung in den überkomme­nen Wiedergabemus­tern. Obwohl etliche Quellen bele­gen, dass Mendelssohn stets, so er sich an der Orgel hören ließ, ein dynamis­ches Reg­istri­eren auch inner­halb der Sätze präferierte, wählt Lehto­la fast durchge­hend die alt­her­gebrachte, auf Kon­trast abzie­lende barocke Stufen­dy­namik. Hin­sichtlich des in punc­to Agogik und Artiku­la­tion vor­bildlichen Spiels gibt es kein­er­lei Ein­wände. Die Tem­pi sind frisch und ohne falsches Sen­ti­ment gewählt, geben so der Mendelssohn’schen Euphonie unbeschw­ert Raum.
Auch die Wahl des Instru­ments überzeugt. Die 1865 erbaute und weit­ge­hend orig­i­nal erhal­tene Orgel aus dem Hause Mar­cussen besticht durch ihre klan­gliche Präsenz, die vor allem in ein­er Vielzahl charak­ter­is­tis­ch­er Einzel­reg­is­ter zum Tra­gen kommt. Aber auch das zwis­chen roman­tis­ch­er Grav­ität und ba­rocker Klarheit aus­tari­erte Plenum ver­lei­ht der Orgel einen zwar opu­len­ten, jedoch stets angenehm frischen Klang.
Wer sich eine spiel­tech­nisch solide, inter­pre­ta­torisch kon­ser­v­a­tive Auf­nahme von Men­delssohns Sonat­en auf einem als his­torisch zu beze­ich­nen­den Instru­ment zule­gen möchte, der ist mit Jan Lehto­las Ein­spielung allerbestens bedi­ent. Wed­er Instru­ment noch Inter­pre­ta­tion­sansatz ga­rantieren Authen­tiz­ität, son­dern einzig die in vie­len kleinen Details „per­sön­liche“ Interpreta­tion, mit der sich der finnis­che Musik­er hier den Sonat­en zuwen­det.
Wolf­gang Valerius