Herchet, Jörg

Seligpreisungen

komposi­tion 1 für orgel stück VIII

Verlag/Label: Querstand VKJK 1233
erschienen in: organ 2014/03 , Seite 54

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Auch wenn der Kom­pon­ist seinen Hin­weis später zurück­zog, „weil solche Titel denn doch irreführend sind für den, der sich an Worte hält, statt sich der Urge­walt der Musik auszuset­zen“: das vom Deutsch­land­funk in der Köl­ner Kun­st-Sta­tion Sankt Peter aufgeze­ich­nete, fast dreivier­tel­stündi­ge Orgel­w­erk, das den über viele Jahre ent­stande­nen Zyk­lus kom­po­si­tion 1 für orgel machtvoll beschließt, lässt sich dur­chaus auf die Selig­preisun­gen der Berg­predigt beziehen. Wiewohl es jeglich­er Ton­malerei enträt.
Da ihm die Musikhochschulen in Dres­den und Ost­ber­lin das Staat­sex­a­m­en ver­weigerten, weil seine Mu­sik „eines zukün­fti­gen sozia­lis­tischen Kom­pon­is­ten unwürdig“ sei, wech­selte Jörg Herchet 1970 in die Meis­terk­lasse von Paul Dessau an der Ost­ber­lin­er Akademie der Küns­te. Zu­dem durfte er nächt­ens die große Orgel der Dres­d­ner Kreuzkirche trak­tieren, da er ihrem Organ­is­ten Her­bert Col­lum (s. a. den Beitrag auf Seite 38) als Regis­trant diente. Ohne die hier­durch erwor­bene intime Ken­nt­nis der Köni­gin der Instru­mente hätte der Zyk­lus schw­er­lich entste­hen kön­nen. Dessen Anfänge, die Stücke I bis III, reichen zurück in die Jahre 1973 bis 1976.
Der nun­mehr zum Abschluss gebrachte Werkkom­plex trieb nach und nach die struk­tur­bilden­den Bausteine her­vor, die das finale Gewölbe tra­gen. Zuvörder­st den Allinter­vall-Akko­rd cis–d–f–g (der alle Inter­valle von der kleinen Sekunde bis zum Tri­tonus enthält). Da sich aus ihm kein Ton ent­fer­nen lässt, ohne ihn sein­er Eigen­schaft zu berauben, nen­nt Herchet ihn in Anlehnung an die Far­ben­lehre Paul Klees einen „indi­vidu­ellen Akko­rd“ – im Gegen­satz zu „dividu­ellen Akko­r­den“, die aus kleinen oder großen Terzen, Quar­ten, Quin­ten usw. beste­hen. Hinzu kom­men aus Klein­sekun­den aufgeschichtete Clus­ter, die das chro­ma­tis­che Total ergeben. Zu diesen vielfach umgekehrten, tran­sponierten, gespiegel­ten, auch ins Melodis­che umge­bo­ge­nen Struk­turzellen gesellen sich weit­ere wie der über­mäßige Dreik­lang oder Quar­ten­klänge.
In stück VIII kom­men zwei weit­ere Ele­mente hinzu: das Gottessym­bol des Oktavk­langs, der dieses eröffnet („Ich bin der ich bin“), und der Kreuza­kko­rd, der im drit­ten Werk­ab­schnitt auf­taucht – „ein Allinter­val­lakko­rd, der zugle­ich mit sein­er Umkehrung erscheint und dann über die Achse des Zen­tral­tons gespiegelt wird“ (Ingo Dorfmüller). Am Schluss des Stücks baut sich ein Zehn­ton-Akko­rd aus reinen und über­mäßi­gen Quar­ten auf, der mit­tels Tas­ten­fix­ierung 88 Tak­te lang anhält. Die bei­den zur Zwölfton-Totale fehlen­den Töne lägen – dem Akko­r­dauf­bau fol­gend – jen­seits der Klaviatur: Fin­gerzeig auf Gott, den Gren­zen­losen, Un(be-)greifbaren. Da­zu erklingt in choralar­tigem Satz eine Akko­rd­kette, in der sich Sopran und Bass beständig spiegeln, bevor sich der Prozess umkehrt und mit ver­tauscht­en Stim­men zurück­läuft: Gott­vater und Gottes­sohn sind eines Wesens.
Organ­ist Dominik Susteck hat sich den ambitiösen Werkkos­mos spiel­tech­nisch, musikalisch und geis­tig so zu eigen gemacht, dass es für den Hör­er kein Entrin­nen gibt.
 
Lutz Lesle