Boslet, Ludwig

Sechs Orgelsonaten

Verlag/Label: 2 CDs, Querstand VKJK 1003 (2010)
erschienen in: organ 2010/02 , Seite 55

Joachim Fontaine an fünf spätro­man­tis­chen Orgeln: Völklingen/Saar (St. Eligius: Stahlhut/Klais 1925–27/1982; Ev. Ver­söh­nungskirche: Walcker/Schuke 1930/1979), Kaiser­slautern (St. Marien: Klais 1905/2003), St. Ingbert/Saarpfalz (St. Hilde­gard: Späth/Mayer 1933/95+ 2004) und Tri­er (St. Mar­tin: Klais 1931/98)

 

Bew­er­tung: 3 Pfeifen

Sein Andenken dürfte inzwis­chen selb­st den pro­fes­sionellen Organis­tenzirkeln weit­ge­hend abhan­den ge­kommen sein, galt er doch vor knapp hun­dert Jahren noch als eine der pro­fil­iertesten Regionalgrö­ßen der Orgel zwis­chen Saar und Mittel­rhein: Die Rede ist von dem saar­pfälzischen Organ­is­ten und Musikpäd­a­gogen Lud­wig Boslet (1860–1951), dessen Orgel­musik im sakralen Konz­ert­be­trieb ein karges Schat­tendasein fris­tet. Der 2010 anstehen­de 150. Geburt­stag des pro­duk­tiv­en „Lehrer-Organ­is­ten“ und Rhein­berg­er-Epigo­nen bot nun Anlass genug, mit ein­er diskophilen Edi­tion sein­er Sechs Orgel­sonat­en bei dem mit­teldeutschen Klas­sik­la­bel Quer­stand auf das (fast) vergessene Orgel­w­erk des ein­sti­gen Tri­er­er Dom­organisten respek­tvoll hinzuweisen.
Boslet galt sein­er eige­nen Zeit als (kom­ponieren­der) Orgelvir­tu­ose im besten Sinne, wobei rund 45 sein­er Opera (und Opus­cu­la) bei – teils bei namhaften Ver­la­gen – und in manch­er Neuau­flage veröf­fentlicht wur­den. Stilis­tisch adel­ten ihn seine Anhänger hierzu­lande voll­mundig als den „Deutschen Guil­mant“. Es lassen sich gewiss Par­al­le­len aus­machen, bei­de waren wirk­liche „Klas­sizis­ten“ auf der Orgel und pflegten einen jew­eils tra­di­tionellen Kompo­sitionsstil; und bei­de kan­nten und schätzten sich zudem. Allerd­ings fehlt es der Musik des Pfälz­ers an jen­er leicht­füßi­gen Ele­ganz und Grö­ße for­maler Geschlossen­heit, welche etwa die acht Orgel­sonat­en des illus­tren Paris­er Kol­le­gen ausze­ich­nen, der als unmit­tel­bar­er Nach­fol­ger Widors als Leit­er der Orgelk­lasse am tra­di­tion­sre­ichen Paris­er Con­ser­va­toire immer­hin die dama­lige nationale Orgelelite Frankre­ichs aus­bildete, darunter Orgel­größen wie Louis Vierne, Mar­cel Dupré oder Louis Bon­net. Zudem kommt Boslet natür­lich nicht ansatzweise jene orgelgeschichtliche Posi­tion zu, die Guil­mant mit seinen weltbe­rühmten „Con­certs his­toriques“ im Paris­er Tro­cadéro-Palast oder mit seinen edi­torisch beispiel­haften Aus­gaben Alter Meis­ter (Edi­tion Schott, Mainz) ein­nimmt.
Der saar­ländis­che Organ­ist Joachim Fontaine doku­men­tiert auf der vor­liegen­den Dop­pel-CD den musikalis­chen Lebensweg Boslets in der Saar-Pfalz-Mosel-Region. Boslet be­gann als klein­er Dorf­schullehrer in der rheinpfälzis­chen Prov­inz, erhielt dann die Möglichkeit, an den Kon­ser­va­to­rien in Stuttgart und München (dort u. a. bei Joseph Gabriel Rhein­berg­er) zu studieren, und brach­te es zulet­zt bis zum Domor­gan­is­ten in Tri­er. Sein prä­gen­der ers­ter Orgellehrer war Immanuel Faißt, der 1857 die heutige Musikhochschule in Stuttgart mit­be­grün­dete und sie sein ganzes Leben lang leit­ete. Die hier einge­spiel­ten fünf (spät-)romantischen – sekundär teils verän­derten – „regionalen“ Orgeln kan­nte und spielte Boslet (im Orig­i­nalzu­s­tand) teil­weise selb­st. Die 1905 eingewei­hte Klais-Orgel der Marienkirche Kaiser­slautern, zu der eine Sachver­ständi­gen-Exper­tise aus der Fed­er Boslets existiert, erklingt auf dieser CD erst­mals in der von der Erbauer­fir­ma 2003 denkmal­gerecht restau­ri­erten klan­glichen Orig­i­nalgestalt.
Neben sein­er Domor­gan­is­ten­tätigkeit in Tri­er war Boslet primär in der diöze­sa­nen Kirchen­musik­er­aus­bil­dung sowie als Musik­lehrer der Dom­s­ingkn­aben in den Fäch­ern Orgel, Klavier, Gesang und Musik­the­o­rie tätig gewe­sen. Als Kom­pon­ist schuf er neben einzel­nen Klavier­stück­en und weltlichen Chorkom­po­si­tio­nen zahlre­iche religiöse Musik, wobei die Orgel­w­erke über­wiegen. Seine ton­sprach­lich kon­ser­v­a­tiv­en, in der all­ge­meinen Beet­hoven-Rezep­tion (klas­sis­che Sonaten­form) und unter dem Ein­fluss des Cae­cil­ian­is­mus ste­hen­den Orgel­sonat­en sowie die übri­gen, meist freien Orgel­w­erke (eine Hand­voll davon find­en sich als „Lückenbü­ßer“ auch auf der Dop­pel-CD) sind geprägt von der restau­ra­tiv­en Äs­thetik seines Lehrers Rhein­berg­er. In Hin­blick auf den Ein­fall­sre­ich­tum sowie die for­male und har­monis­che Gestal­tung allerd­ings bleiben Boslets Kom­po­si­tio­nen denen seines Münch­en­er Lehrmeis­ters oder ander­er Rhein­berg­er-Schüler (etwa Lud­wig Thuille) spür­bar unter­legen und wirken mitunter blass bis akademisch-gestelzt. Mit der 1908 fer­tiggestell­ten Wei­gle-Orgel des Tri­er­er Doms, zweigeteilt auf den bei­den Emporen ober­halb des Chorgestühls, hat­te Boslet ein ide­ales, damals hochmod­ernes Instru­ment für die Real­i­sa­tion sein­er spätro­man­tis­chen Ton­sprache zur Ver­fü­gung (welch­es bedauer­licher­weise nach dem zweit­en Weltkrieg beseit­igt wurde).
Fontaine präsen­tiert sich organis­tisch als solid­er Anwalt der Musik Boslets, stets hör­bar bemüht, der streck­en­weise sper­ri­gen und bisweilen lan­gat­mi­gen Par­ti­tur ein Max­i­mum gestal­ter­isch­er Kon­traste zu ent­lock­en, zumal der Ton­meis­ter Markus Brän­dle hier durchgängig eine ganz aus­geze­ich­nete ton­tech­nis­che Arbeit abgeliefert hat.
Jen­seits aller Speku­la­tio­nen über den kün­st­lerischen Primär­nutzen dieser Musik und der Frage, inwieweit es sich dabei let­ztlich um wenig mehr als scholastisch-vere­del­ten, let­ztlich schwül­sti­gen Organ­is­ten­zwirn aus der katholis­chen Musikprov­inz der Jahrhun­der­twende han­delt, bietet diese Pub­lika­tion jedoch unter rein beruf­s­sozi­ol­o­gis­chen Aspek­ten instruk­tive Ein­blicke hin­sichtlich eines mit Boslet aus­gestor­be­nen musikalis­chen Beruf­spro­fils: näm­lich das des ehe­dem hierzu­lande so typ­is­chen deutschen „Lehrer-Organ­is­ten“.

Wol­fram Adolph