Bach, Johann Sebastian

Sechs Konzerte nach Vivaldi

für Orgel bearbeitet und hg. von Elena Barshai

Verlag/Label: Dr. J. Butz-Musikverlag 2510
erschienen in: organ 2013/03 , Seite 59

Im Gegen­satz zu manch anderen Aus­gaben aus dem Hause Butz, bei denen die ver­legerische Maxime augen­schein­lich „Masse statt Klasse“ lautet, präsen­tiert sich bei der vor­liegen­den Aus­gabe das Gesamt­notenbild durch­weg klar und über­sichtlich in der typografis­chen Gestal­tung (einzig die Abstände der bei­den Man­u­al­sys­teme sind hin und wieder unnötig groß, was die Lesear­beit nicht vere­in­facht). Über­haupt scheinen Musikver­lage heute nur noch wenig Wert auf die ästhetis­chen Erfordernisse eines typografisch aus­ge­wo­ge­nen Druck­bildes und auf die Schön­heit ein­er Edi­tion im Gesamten zu leg­en. Zu Zeit­en, in denen sich jed­er­mann auf dem heimis­chen PC prob­lem­los die kom­plex­esten Par­ti­turen sel­ber „set­zen“ kann, liegt die Exis­tenzberech­ti­gung der etablierten Musikver­lage ger­ade auch in der Garantie höch­ster, pro­fes­sioneller Edi­tion­s­stan­dards. Neben Fra­gen der äußer­lichen Präsen­ta­tion gel­ten diese vor­ab jedoch der musikalis­chen Qual­ität.
Die rus­sis­che Organ­istin Ele­na Bar­shai hat sich hier der löblichen Mühe unter­zo­gen, sechs Orches­ter­konzerte von Anto­nio Vival­di für die Orgel solo zu bear­beit­en. Hier­für hat sie als Bearbeitungsgrund­lage nicht die orig­i­nalen Orchester­partituren Vivald­is herange­zo­gen, son­dern die weitaus weniger bekan­nten Fas­sun­gen J. S. Bachs für Cem­ba­lo solo. Man fragt sich, wozu dieser Umweg? Von der Orches­terpartitur zu ein­er Bear­beitung und von dieser Bear­beitung nun wieder zu ein­er anderen Bear­beitung für ein anderes Instru­ment? Schließlich beste­ht vom barock­en Orch­ester­satz hin zum barock­en Orgel­satz ein genau­so großer Unter­schied wie vom barock­en Cem­balosatz hin zum Orgel­satz des 18. Jahrhun­derts. Hätte man also direkt vom Orch­ester­satz tran­skri­biert, wäre zumin­d­est das Risiko min­imiert gewe­sen, Ele­mente eines typ­is­chen Cem­balosatzes in den Orgel­satz hineinzu­tra­gen. Abge­se­hen davon sind die Fas­sun­gen aber über weite Streck­en klangschön und gut spiel­bar und der Satz ist meist durch­sichtig gehal­ten, ohne leer zu klin­gen. Im Ver­gle­ich zu manch anderen Pro­duk­tio­nen, die als „Orgelfas­sun­gen“ auf dem Markt erscheinen und ins­beson­dere bei Musik­w­erken des 18. Jahrhun­derts daherkom­men, als woll­ten sie einem Klavier­auszug Buso­nis Konkur­renz machen, erweisen sich diese Fas­sun­gen als ein Licht­blick. Es scheint sich allmäh­lich herumzus­prechen, dass in der Tran­skrip­tion von Werken ein­er bes­timmten Epoche, ana­log zur prak­tis­chen Spiel­weise und der Wahl des Instru­ments, nicht „alles erlaubt“ ist.
In machen Sätzen wurde die Vor­lage Bachs allerd­ings über weite Stre­cken fast wörtlich über­nom­men, wie etwa im Con­cer­to F-Dur BWV 978; wobei manch­mal lediglich die Fun­da­ment-Töne der Har­monie der linken Hand durch das Ped­al ver­stärkt respek­tive ver­dop­pelt wur­den; dies nicht immer zum Vorteil der Musik: Da die bei­den Hände zeitweise nur ein durch­sichtiges Duett spie­len, wer­den die Bass­fig­uren der linken Hand durch die zusät­zliche Schwere des Ped­als nur ver­dunkelt. Hier wäre es geschick­ter gewe­sen, die orig­i­nalen Fas­sun­gen Bachs ein­fach man­u­aliter auf der Orgel zu spie­len und auf das Ped­al zu verzicht­en; zumal sich eine solche Tech­nik eher bei einem voll­stim­mi­gen Orgel­satz emp­fiehlt, bei welchem die fig­uri­erten Bässe der linken Hand zusät­zlich durch das Ped­al fun­da­men­tiert wer­den kön­nen. Im Largo des­sel­ben Konz­erts klingt der Cem­balosatz mit seinen tiefen Akko­r­den in der linken Hand auf der Orgel wenig überzeu­gend. Bei den Sätzen, in denen die orig­i­nalen Fas­sun­gen Bachs qua­si un­verändert in die neue Orgelfas­sung über­nom­men wur­den, von eigen­ständi­gen, neuen Orgeltranskrip­tionen zu sprechen, erscheint vom Herausgeber/Verlag dann doch allzu dick aufge­tra­gen.
 Zusam­men­fassend bietet die Edi­tion aber dur­chaus eine schöne und lohnende Bere­icherung des gängi­gen Orgel­reper­toires; ger­ade auch für all diejeni­gen SpielerIn­nen, die selb­st keine Tran­skrip­tio­nen ver­fertigen. Man darf der rus­sis­chen Kün­st­lerin, die sich zudem durch zahlre­iche Orgelein­spielun­gen in der Ver­gan­gen­heit einen ver­i­ta­blen Namen in der Musik­welt gemacht hat, damit den besten ver­di­en­ten Erfolg wün­schen.

Eber­hard Klotz