Andreas Hantke

Sax Seasons für Saxofon und Orgel

Verlag/Label: Strube Edition VS 3720
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2026/01 , Seite 59

Alles Klischees: Ein Tubist kann nur ein paar tiefe Grundtöne spielen, auf einer Pfeifenorgel wird nur kirch­liche Musik gespielt, und das Saxofon ist ein typisches Jazz-Instrument. Andererseits: Es brauchte nach der Erfindung des Saxofons um 1840 noch etwa sechzig Jahre, bis der Jazz überhaupt aufkam. Adolphe Sax wollte damals ein Instrument erfinden, „das im Charakter seiner Stimme den Streichinstrumenten nahekommt, aber mehr Kraft und Intensität besitzt als diese“. Als Einsatzort sah er sein neues Instrument im Sinfonieorchester oder in den Blasorchestern der Militärmusik.
Bis das Saxofon in der Kirche (-nmusik) ankommen sollte, verging eine lange Zeit, obwohl es als weiche Klangfarbe (= Register) in romantischen und modernen Orgeln vereinzelt bereits vorkommt. Ebenso lassen sich leider nur vereinzelt Originalkompositionen für die Besetzung „Orgel plus Saxofon“ finden – Bearbeitungen bekannter Werke für dieses klanglich bestechende Duo gibt es durchaus mehr.
Mit seinen Sax Seasons stopft Andreas Hantke ein eigentlich unverständliches Loch im Repertoire. Denn allein durch das erwähnte Jazz-Klischee könnte man (quasi in betrügerischer Weise) Menschen in die Kirche locken, die „eigentlich“ mit der überkommenen Kirche schon längst abgeschlossen haben. Wer dann aber nur wegen des Klischees kommt, wird nicht (oder nur bedingt) enttäuscht! Für die regu­lären Kirchenbesucher ist Hantkes Stück sicher eine Freude!
Die vier Sätze des kleinen Zyklus lagen bereits als Einzelsätze fertig vor, waren als Einzelwerke schon aufgeführt und sind später zusammengefügt worden, der „Herbst“ ist das älteste dieser Stücke. Es geht Hantke hier nicht um typisch jahreszeitliche Sätze, gar mit Lied­zitaten wie Im Märzen der Bauer, Komm, lieber Mai, und mache oder einem Kuckucksruf gespickt – die Sätze sollen Emotionen transportieren, die eigenen (!) Befindlichkeiten nachempfinden, die er mit den Jahreszeiten verbindet: Winter (= cool), Frühling (= warm), Sommer (= entspannt) und Herbst (= sentimental). An den Anfang stellt er „gern den Winter, denn sowohl das Kalenderjahr als auch das Leben [und natürlich auch das Kirchenjahr] beginnt ja zunächst in einer Zeit, die eher still und verborgen ist, ehe alles aufblühen darf“.
Die einzelnen Sätze eignen sich – je nach emotionalem Gehalt – zum Einsatz an vielen Stellen im Gottesdienst, aber auch (gern zyk­lisch) im Konzert. Die Harmonik und Melodik greifen zwar ein wenig zu Mitteln der Unterhaltungsmusik, sind aber insgesamt eher als klassisch zu bezeichnen. Im „Winter“-Satz wird über längeren Pausen des Solo-Instruments dieses ausdrücklich zur Improvisation (ad lib.) aufgefordert. Die Schwierigkeit für beide Instrumente liegt grundsätzlich im Bereich zwischen ,einfach‘ und ,mittel‘. Der Saxofonist kann aber – gerade bei Improvisationen – den sehr gefälligen und gut zu hörenden Sätzen durch seine eigene fortgeschrittene Instrumentaltechnik zu größerer Wirkung verhelfen.

Ralf-Thomas Lindner

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