Weckmann, Matthias

Sämtliche Orgelwerke

2 Bände, hg. von Klaus Beckmann

Verlag/Label: Schott ED 21009 und 21010 (2010)
erschienen in: organ 2011/04 , Seite 54

Wann haben Sie zulet­zt ein Werk von Matthias Weck­mann gespielt? Der Rezensent geste­ht, dass es bei ihm schon län­gere Zeit her ist. Die neue, vom Alt­meis­ter der nord­deutschen Schule, Klaus Beck­mann, redigierte Aus­gabe ist allerd­ings ein schön­er Anlass, diese Lücke zu füllen.
Matthias Weck­mann wurde nach einem von seinen Zeitgenossen hochgelobten Probe­spiel 1655 Organ­ist an St. Jaco­bi in Ham­burg, eine pres­tigeträchtige Stelle, für die nicht umson­st J. S. Bach später Inter­esse zeigte. Weck­manns Instru­ment ging fast voll­ständig im Neubau durch Arp Schnit­ger auf, so dass auch die heutige Orgel noch einen Ein­druck vom Klang­bild ver­mit­teln kann, das Weck­mann sein­erzeit vor­fand.
In der Tat ver­mit­teln uns die er­haltenen Kom­po­si­tio­nen einen gu­ten Ein­druck sein­er über­ra­gen­den Kun­st. Namentlich die Choral­zyk­len stoßen hin­sichtlich ihrer for­malen Dis­po­si­tion und erhe­blichen spiel­tech­nis­chen Anforderun­gen in Neu­land vor. Beson­ders zu erwäh­nen sind hier die fast halb­stündi­gen Vari­a­tion­swerke „Es ist das Heil uns kom­men her“ und „O lux bea­ta Trini­tas“. Manch­es Kanon­trio erweckt den Ein­druck, als kön­nte es als Vor­bild für Bachs Vari­a­tio­nen über „Vom Him­mel hoch“ gedi­ent haben. Alles in allem groß­artige Musik, die bei far­biger Regis­trierung ihre Wirkung nicht ver­fehlen wird und sicher­lich zu schade ist, um als Fußnote des Orgel­lit­er­aturkun­de­un­ter­richts ihr Dasein zu fris­ten.
Die Aus­gabe ist auf gewohn­tem Schott-Niveau mit gut les­barem kri­tis­chen Bericht. Die teil­weise un­orthodoxe Balkung gibt wohl so gut wie möglich Grup­pierun­gen der orig­i­nalen Tab­u­latur wieder und richtet sich nach neueren edi­torischen Gepflo­gen­heit­en. Ob das jedem Spiel­er zusagt, ist Geschmack­sache. Let­ztlich ist und bleibt eine Über­tra­gung aus der Tab­u­latur in Noten­schrift schon ein erster Ein­griff in den „Urtext“. An eini­gen weni­gen Stellen schadet der manch­mal gedrängte Noten­satz der Über­sichtlichkeit.
So ste­ht mit dieser empfehlenswerten Aus­gabe der Reper­toireer­weiterung und -auf­frischung nichts mehr im Wege.
Axel Wilberg