Muffat, Gottlieb (1690-1770)

Ricercate Canzoni Toccate & Capricci

Orgelmusik aus dem Archiv der Minoriten in Wien

Verlag/Label: Ambiente ACD-2023 (2012)
erschienen in: organ 2013/02 , Seite 52

4 von 5 Pfeifen

Got­tlieb Muf­fat ste­ht als Orgelkom­pon­ist heute ohne Zweifel ganz und gar im Schat­ten seines berühmten Vaters Georg. Dies etwa zu Unrecht? Immer­hin umfasst die vor­liegende Auf­nahme zahlre­iche kür­zlich erst edierte oder bis­lang einzig in Manuskripten vor­liegende Werke. Im Gegen­satz zu den bekan­nten zwölf  Toc­cat­en und 72 Ver­set­ten ließe sich hier von „größeren“ Werken sprechen, wobei keines für sich jedoch die Spiel­d­auer von fünf Minuten deut­lich über­schre­it­et. Im CD-Book­let ist u. a. ein Inter­view mit dem Inter­pre­ten nachzule­sen, in dem dieser nach­drück­lich die Bedeu­tung Muf­fats für die For­ten­twick­lung des „ver­mis­cht­en Stils“ betont, für den Georg Muf­fat in seinem Appa­ra­tus die Grund­la­gen legte. Bei seinem Sohn ist ohne Zweifel weniger ein Nebeneinan­der der ital­ienis­chen und franzö­sis­chen Ele­mente zu find­en als vielmehr deren Durch­dringung. Muf­fats Tätigkeit bei Hofe bescherte ihm zu Lebzeit­en angemessene Rep­u­ta­tion, auch Hän­del besaß Muf­fats Clavier­w­erke, eine wechsel­seitige Bee­in­flus­sung ist dur­chaus wahrscheinlich.
Was die kon­tinuier­liche Rezep­tionsver­weigerung ange­ht, ver­wun­dert es in der Tat, dass nicht schon früher Neuaus­gaben oder Fak­sim­i­les erschienen sind, immer­hin äußerte sich schon Frotsch­er in sein­er Geschichte des Orgel­spiels anerken­nend über Got­tlieb Muf­fats Werke.
Somit stellt die vor­liegende Auf­nahme eine begrüßenswerte Bere­icherung eines ver­nach­läs­sigten Reper­toirezweigs dar. Label und Inter­pret haben bei der ansprechend aus­ges­tat­teten CD wenig Mühen gescheut. Die Auf­nah­me­tech­nik bietet ein warmes, am Raumein­druck ori­en­tiertes Klang­bild. Über die Qual­itäten der Sieber-Orgel muss zudem wohl kaum ein Wort ver­loren wer­den. Pier Dami­ano Peretti spielt aus­ge­sprochen geschmack­voll und sou­verän. Die zahlre­ichen Verzierun­gen gelin­gen ihm mit bemerkenswert­er Selb­stver­ständlichkeit, ohne den Spielfluss zu hem­men. Die drama­tis­chen har­monis­chen Finessen (ver­min­derte Sep­takko­rde) bewe­gen sich auf der Höhe der dama­li­gen Zeit und wer­den von Peretti mit dezen­ter Agogik im Sinne eines affek­to­ri­en­tierten Spiels her­vorge­hoben. Die einzel­nen Stücke sind sin­n­fäl­lig in tonartlich aufeinan­der bezo­ge­nen Grup­pen zusam­menge­fasst. Was die Reg­istrierun­gen ange­ht, bietet Peretti dur­chaus „Uner­hörtes“: Unter häu­figer Benutzung der Man­u­alkop­peln stellt er aparte Klänge zusam­men, die diesem galanten Stil zu Gesichte stehen.
Alles in allem eine her­vor­ra­gende Pro­duk­tion. Trotz­dem bleibt am Ende eine Frage: Ein maß­los (!) unter­schätzter Kom­pon­ist? Hier mag jed­er sein eigenes Urteil fällen; die CD liefert dazu reich­lich Anschau­ungs­ma­te­r­i­al. Der Rezensent geste­ht in diesem Punkt seine bleibende Skep­sis ein. In sum­ma wirken die Zusam­men­stel­lun­gen doch recht kle­ingliedrig und find­en kaum zu größeren Ein­heit­en wie im Falle der großan­gelegten Toc­cat­en des Vaters. Manchem Stück fehlt trotz satztech­nis­ch­er Finesse schlicht der geniale Ein­fall, so dass auf die Dauer bei dieser Art von Orgel­musik doch eine gewisse Ermü­dung beim Hör­er eintritt.

Axel Wilberg