Philip Feldhordt / Matthias Geuting / Stefan Keym (Hg.)
Poesie und Mystik
Beiträge zum Schaffen von Charles Tournemire (= Folkwang Studien, Band 26)
Vor gut vierzig Jahren war Charles Tournemire (1870–1939) allenfalls Orgel spielenden Menschen bekannt – und diesen „nur“ durch seine von Maurice Duruflé transkribierten Improvisationen. George Delvallée leistete dann mit seinen Schallplatten-Einspielungen vor allem von L’Orgue Mystique wichtige Pionierarbeit. Inzwischen liegen Gesamteinspielungen dieses Mammutzyklus vor (Sandro Müller, Tjeerd van der Ploeg u. a.), darüber hinaus Aufnahmen mit Tournemires Kammermusik und Liedern sowie sämtlichen Orchestersinfonien.
Dennoch sind weiterhin viele Fragen offen, vor allem hinsichtlich des Menschen Tournemire und seiner Gedankenwelt, die ihn zu seinen Werken inspiriert hat. Viele Lücken schließt der umfangreiche Sammelband Poesie und Mystik, der im Anschluss an eine Tagung im April 2022 an der Folkwang Universität der Künste in Essen veröffentlicht wurde und 17 wertvolle Beiträge enthält (zwei davon in englischer, drei in französischer Sprache). Sie beschreiben den geistigen und religiösen Hintergrund, auf dem sich das Leben des Eigenbrötlers Tournemire bewegte, hier vor allem die konservative, wenn nicht restaurative Strömung des „Renouveau catholique“, aber auch – wichtig für L’Orgue Mystique – die Erkenntnisse der gregorianischen Semiologie des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Für Orgelspielende ist der Band eine Fundgrube, thematisiert er doch (in einem brillanten Aufsatz von Birger Petersen) das Spannungsfeld zwischen satztechnischen Regeln und Improvisation, für die Tournemire Zeit seines Lebens gerühmt wurde. Dieses Spannungsfeld greift Matthias Geuting auf und beleuchtet es exemplarisch an Tournemires Symphonie-Choral op. 69. Selbstverständlich nimmt L’Orgue Mystique, jenes singuläre und bis heute viel
zu wenig rezipierte Chef d’Œuvre, breiteren Raum ein (Stephen Schloesser und Stefan Klöckner liefern tiefgreifende Analysen).
Ganz neue Aspekte finden sich zu Tournemires Les Dieux sont morts: eine durch Tanz visualisierte Musik, hier speziell durch „Rhythmische Gymnastik“, eine Reformbewegung des Balletts an der Pariser Opéra, die das Werk 1924 zur Uraufführung brachte. Unterbelichtet in der Musikszene und speziell im Konzertleben sind Tournemires acht Sinfonien. Drei Aufsätze beschäftigen sich intensiv mit drei von ihnen, bieten sowohl Analysen als auch Einordnungen in den Kontext der Zeit ihrer Entstehung. Auch Tournemires Lieder, seine Kammermusik und Werke für Harmonium werden in diesem Band angesprochen. Eminent bedeutsam ist der von Paul Thissen verfasste Aufsatz über Tournemires La Légende de Tristan, sein drittes Bühnenwerk, das Ende 1926 fertig wurde, dann aber unaufgeführt in der Pariser Bibliothèque Nationale schlummerte – bis es erst 2022 am Theater Ulm (diesem Haus und seinem damaligen Intendanten Kay Metzger kann man nicht genug danken!) seine späte Uraufführung erleben durfte. Thissen widmet dieser sich bewusst von Richard Wagners Tristan absetzenden Oper mit Akribie und Ausführlichkeit. – Fazit: Eine wichtige Publikation mit Texten und Analysen auf allerhöchstem Niveau!
Christoph Schulte im Walde


