Johann Nepomuk David

Orgelwerke Vol. 2

Roman Summereder an der Mahrenholz-Furtwängler-Orgel der Marienkirche Göttingen und an der Bruckner-Orgel der Stiftsbasilika St. Florian, Linz (Österreich)

Verlag/Label: Ambiente ACD-2040 (2020)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2021/04 , Seite 63

Bew­er­tung: 5 von 5 Orgelpfeifen

Von der „Furie des Ver­schwindens“ heimge­sucht, hat der öster­re­ichis­che Kom­pon­ist Johann Nepo­muk David (1895–1977) endlich einen wahrhaften Treuhän­der gefun­den: den Wiener Orgelvir­tu­osen und Musiku­ni­ver­sität­spro­fes­sor Roman Summereder.
David studierte Kom­po­si­tion bei Joseph Marx in Wien, war 1924–33 Organ­ist und Chor­leit­er in Wels, 1934 Dozent der Leipziger Musikhochschule, 1942–45 dann deren Direk­tor. Danach Lehrer am Mozar­teum und 1948–63 Komposi­tionsprofessor an der Hochschule für Musik in Stuttgart. Quell­grund seines Schaf­fens war die Musik, die er als Sängerkn­abe am Augustin­er­s­tift St. Flo­ri­an ein­sog: Gre­go­ri­an­is­ch­er Choral, Josquin, Bach, Bruck­n­er, Reger. Später versenk­te er sich in die Schöpfer neuer Ton­wel­ten: Debussy, Rav­el, Skr­jabin und son­der­lich Arnold Schön­berg. Mit Paul Hin­demith teilte er die Vor­liebe für alte For­men und Volk­sweisen, das „har­monis­che Gefälle“ und das kon­tra­punk­tis­che Handw­erk. Nach eigen­em Beken­nt­nis geri­et ihm alles Schreiben immer wieder als Fuge.
Sein kom­pos­i­torisches Ver­mächt­nis umfasst Orch­ester­musik (darunter acht Sym­phonien), Kam­mer­musik, Chor­musik (über­wiegend geistlich) und Orgel­musik, im 21-bändi­gen Choral­w­erk gipfel­nd. Wollte man sein Lebenswerk rea­n­imieren, so scheint sein Orgelschaf­fen am ehesten erfol­gver­sprechend. Hängt seine Reha­bil­i­ta­tion hier doch an der Durch­set­zungskraft eines einzi­gen Inter­pre­ten. Wobei das Choral­w­erk einen ide­alen Leit­faden bildet, indem es – getra­gen von der Glauben­skraft des lutherischen Chorals – den Steigflug seines Kün­stler­tums spiegelt: ein Kom­pendi­um poly­phon­er Kom­po­si­tion­sprax­is und Orgel­spiel­tech­nik, über Reger hinausweisend.
Vol. 2 der auf drei CDs ver­an­schlagten Edi­tion aus­gewählter Orgel­w­erke Davids, die Sum­mered­er auch vorzüglich kom­men­tiert, führt vom dicht­en Lin­ien­spiel der frühen Toc­ca­ta und Fuge f‑Moll von 1928 bis zur panchro­ma­tisch „aus der Hand rol­len­den“ Toc­ca­ta und zwölftönig angelegten Fuge von 1962, einem hochkom­plex­en poly­pho­nen Gespinst, das ger­adezu in eine­nat­ti­mo strepi­toso ausmündet.
Die Fan­ta­sia super L’homme armé (1928/30) bezeugt Davids Geis­tes­nähe zur franko-flämis­chen Schule. Die nach­fol­gen­den Stücke entstam­men dem Choral­w­erk III, VIII und XIV. In den ungestü­men Bewe­gungszü­gen der Toc­ca­ta neb­st Choral „In dich hab ich gehofft, o Herr“ von 1932 gewahrt Summer­eder Schat­ten­würfe jen­er Krisenzeit.
Das Geistliche Konz­ert über das vor­refor­ma­torische Pas­sion­slied „Es sun­gen drei Engel ein süßen Gesang“ (1941), for­mal und satztech­nisch der Dreizahl huldigend, erin­nert an Hin­demiths Math­is-Sin­fonie. Das Choral­w­erk XIV (1962) schließlich, eine Folge von fünf Fan­tasien, die Sum­mered­er als Memen­to mori begreift, zehrt von der mit­te­lal­ter­lichen Antiphon „Mit­ten wir im Leben sind vom Tod umfan­gen“ (Fan­tasie 1–3), dem Adventslied „Maria durch ein Dorn­wald ging“ und dem Ster­be­lied „Wenn mein Stündlein vorhan­den ist“. – Möge Roman Sum­mered­ers Feuerseele möglichst viele kun­stver­wandte Geis­ter entzünden!

Lutz Lesle