Hans Fährmann
Orgelwerke – per omnia saecula saeculorum
Orgelsonaten Nr. 6 & 7 Andreas Jetter an der Goll-Orgel der Kollegiumskirche Schwyz (Schweiz)
Hans Fährmann (1860–1940) teilt das Schicksal mit Kollegen wie Wilhelm Middelschulte, Richard Bartmuß, Ludwig Neuhoff oder Carl Müllerhartung: Man erinnert sich kaum noch an sie, obschon es sich bei allen um veritable Orgelmusik-Komponisten handelt. Im Unterschied zu den Genannten ist das Orgel-Œuvre des gebürtigen Sachsen Fährmann, der 1913 zuerst zum Königlichen Musikdirektor, 1917 dann zum Professor ernannt wurde und von 1890 bis 1926 Organist und Kantor an der Dresdner Johanneskirche war, diskografisch zumindest halbwegs erschlossen, wenngleich in längst vergriffenen Aufnahmen.
Andreas Jetter, seit 2010 Dommusikdirektor an der Kathedrale von Chur (Schweiz) und einer der „Hausorganisten“ von Ambiente, hat hier nun „seine“ Fährmann-Reihe gestartet. Dass es eine Reihe wird, kann man nur hoffen, denn der Auftakt ist schlicht grandios – und stellt ältere Aufnahmen in den Schatten. Dies liegt zunächst an den Werken selbst, die alles haben, was das Herz eines Orgel-Fans höher schlagen lässt: packende Dramatik, spirituelle Tiefe, harmonischen Reichtum und leuchtende Farbenpracht. Fährmanns Sonaten seien „wahre Symphonien für die Orgel, wie sie im deutschen Sprachraum ihresgleichen suchen“, schreibt Jetter im Booklet – und man kann ihm nach dem Anhören seiner fantastischen Interpretationen nur beipflichten.
Mich begeistert auch die Dramaturgie dieses „Konzept-Albums“, denn die beiden Sonaten bilden den denkbar schönsten Kontrast: Auf die nur ca. 22 Minuten dauernde dreisätzige 6. Sonate in strahlendem G-Dur (um 1902), die „wie ein Lobgesang auf die Freuden des irdischen Lebens“ wirkt (Jetter), folgt die mit rund 48 Spielminuten wahrhaft monumental konzipierte, dabei tragisch grundierte 7. Sonate (1904); deren programmatische Überschriften wie etwa „Unser Leben währet siebzig Jahre“ (1. Satz) richten den Blick auf den Tod und das Jenseits. Der finale, kontrapunktisch meisterhaft gearbeitete vierte Satz „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat“ führt das Werk zu einem triumphalen, aber nicht bombastischen Schluss.
Wie schon bei seinen übrigen Alben für Ambiente (Hans Rott: Sinfonie Nr. 1, Franz Schmidt: Orgelwerke Vol. 1 bis 3) beweist Jetter auch bei Fährmann wieder größte Instinktsicherheit bei der Instrumentenauswahl. Die 1912–13 gebaute, spätromantisch disponierte Goll-Orgel (Opus 400) der Kollegiumskirche Maria Hilf in Schwyz verfügt über drei Manuale und 37 Register. Klanglich orientiert sie sich an der deutschen Tradition: Sie bietet unter den begnadeten Händen und Füßen von Jetter aber auch spektakuläre sinfonische Klänge. – Dieses Album ist ein Auftakt nach Maß!
Burkhard Schäfer


