Dayas, William Humphreys (1863-1903)

Orgelwerke

Verlag/Label: Toccata Classics 0285 (2016)
erschienen in: organ 2016/02 , Seite 58

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Amerikan­er qua Geburt (1863 in New York), Deutsch­er ob sein­er musikalis­chen Prä­gun­gen als ein­er der let­zten Schüler Liszts in Weimar, schließlich Englän­der hin­sichtlich seines Lebens­mit­telpunk­ts Man­ches­ter, wo er bis zu seinem Tod auch die läng­ste Zeit gewirkt hat – dies nur der grobe biografis­che Rah­men, mit dem sich das Wirken des Organ­is­ten, Pia­nisten und Kom­pon­is­ten William Hum­phreys Dayas umreißen lässt. Es war ein allzu kurzes Leben: Dayas starb 1903, kaum vierzig Jahre alt. Entsprechend schmal fiel sein kom­pos­i­torisches Œuvre aus und ver­sank dazu in einen tiefen Dorn­röschen­schlaf.
Der finnis­che Organ­ist Jan Lehto­la erweck­te nun zumin­d­est die bei­den Orgel­sonat­en Dayas’ zu neuem Leben – eine lohnende Wieder­ent­deck­ung und eine echte Bere­icherung allzu­mal des Orgel­reper­toires des Fin de Siè­cle. Dayas ist, was die kom­pos­i­torische Qual­ität sein­er 1886 und 1888 ent­stande­nen Sonat­en op. 5 und op. 7 ange­ht, dur­chaus nicht ger­ing zu acht­en. Er gebi­etet über ein feines, instinkt­sicheres Gespür für die Erfind­ung wirkungsvoll-san­glich­er The­men, für dra­matur­gisch überzeu­gende Entwick­lun­gen, far­bige Kon­traste und schließlich auch kraftvolle, mitunter vir­tu­os gestal­tete Effek­te. Dass er seinen Lehrmeis­ter Liszt über alles verehrte, ver­hehlen auch diese bei­den Sonat­en für die Orgel nicht – indes ohne das meis­ter­liche Vor­bild in plat­ter Manier zu kopieren.
Im Kopf­satz der F-Dur-Sonate ori­en­tiert sich Dayas klan­glich eher (noch) an Mendelssohn; Liszt’sche Wen­dun­gen gebraucht er dage­gen ver­stärkt in dem späteren Werk in c-Moll: pianis­tis­ch­er angelegt, freier im Umgang mit den The­men und ihrer Ver­ar­beitung, rhap­sodis­ch­er in der Anlage; ins­ge­samt etwas mys­tischer als die erste Sonate – auch wenn er den unbe­d­ingten Formwillen Julius Reubkes und dessen gedankliche Tiefe hier kaum erre­icht. Wiederum an Mendelssohn (Varia­tions sérieuses) erin­nern The­ma und sieben Vari­a­tio­nen neb­st Schluss­fuge – eine von Dayas erar­beit­ete Orgel­tran­skrip­tion des vier­händi­gen Klavier­w­erks von Arthur H. Bird (1856–1923), wie Dayas gebür­tiger Amerikan­er, der seine kün­st­lerische Aus­bil­dung vor allem in Deutsch­land, eben­so bei Liszt, erhal­ten hat­te. Dayas „instru­men­tiert“ mit sicher­er und geschmack­voller Fed­er, fordert dabei dur­chaus den pianis­tisch geschul­ten Vir­tu­osen.
Diese CD anzuhören bere­it­et pures Vergnü­gen – aus drei Grün­den. Erst ein­mal, weil Dayas gute Musik schreibt. Und zweit­ens, weil Lehto­la hier als aus­nehmend feinsin­niger Anwalt der Musik Dayas’ agiert, stets den richti­gen Puls erspürend und fein­ste agogis­che Nuan­cen auskos­tend. Er bre­it­et eine Palette faszinieren­der Klang­far­ben aus – wom­it auch schon der dritte Grund zu nen­nen wäre, der diese Auf­nahme zu etwas Beson­derem macht: die große E. F. Wal­ck­er-Orgel (66/III/ P/Kegellade/el.-pneum. Trak­turen) der neu­go­tis­chen Johan­niskirche in Helsin­ki, 1891 fer­tiggestellt, 1921 ger­ingfügig erweit­ert und 2005 von Chris­t­ian Schef­fler (Jacobsdorf/ Bran­den­burg) vor­bildlich restau­ri­ert: per­fekt für dieses spätro­man­tis­che Reper­toire; nir­gends mul­mig und ton­tech­nisch opti­mal einge­fan­gen.

Christoph Schulte im Walde