Wolstenholme, William (1865-1931)

Orgelwerke

hg. von Richard Brasier, Reihe Orgelmusik aus England und Amerika, Band 30

Verlag/Label: Dr. J. Butz Musikverlag 2539
erschienen in: organ 2013/04 , Seite 60

Orgel­musik aus dem angel­säch­sis­chen Raum im weitesten Sinne hat in Deutsch­land derzeit eine gewisse Kon­junk­tur. Am Anfang der entsprechen­den Noten­pub­lika­tio­nen im Bon­ner Butz-Ver­lag standen zwei Bände, die höchst anspruchsvolle Orgel­bear­beitun­gen Mendelssohn’­scher Klavier- und Orch­ester­w­erke aus der Fed­er des leg­endären eng­lischen Konz­er­tor­gan­is­ten Thomas William Best auf dem deutschen Markt zugänglich macht­en. Heraus­geber war Johannes Gef­fert (Köln), der auf­grund sein­er Orgel­stu­di­en bei Nico­las Kynas­ton (Lon­don) für diese Auf­gabe ger­adezu prädes­tiniert war. Abge­se­hen von weni­gen Aus­nah­men fan­den die darin enthal­te­nen Stücke indes nur sel­ten Ein­gang ins Konz­ertreper­toire ver­siert­er Organ­is­ten.
Nun hat man mit der vor eini­gen Jahren begrün­de­ten Rei­he Orgel­musik aus Eng­land und Ameri­ka, die eben­falls durch Gef­fert edi­torisch betreut wird, den Nerv der Zeit getrof­fen. Allein die enorm gestiegene Zahl weit­ge­hend orig­i­nal erhal­tener Instru­mente, die den Weg über den Kanal aufs Fes­t­land gefun­den haben, zeu­gen von der augen­blick­lichen Begeis­terung für die britis­che Orgelkul­tur.
Die inzwis­chen auf über dreißig Bände angewach­sene Rei­he präsen­tiert mit den bei­den vor­liegen­den Aus­gaben zwei typ­is­che Vertreter ansprechen­der „Gebrauchsmusik“. Beson­ders Christo­pher Tam­bling, ver­ant­wortlich für das vielfältige Musikange­bot der nahe Bath gele­ge­nen römisch-katholis­chen Down­side School bzw. Abbey, ste­ht mit seinen Kom­po­si­tio­nen – speziell auch für die katholis­che Liturgie – für diese Mode. Gemäßigt mod­ern in der Ton­sprache, bedi­ent sich der 1964 geborene Kom­pon­ist ein­er gefäl­li­gen, in der Neoro­man­tik behei­mateten Har­monik, die er zuweilen mit sper­ri­gen Metren gar­niert. Die spiel­tech­nis­chen Anforderun­gen sind dabei im Hin­blick auf den „Gebrauch­swert“ und die anvisierte Ziel­gruppe mod­er­at.
Der blinde englis­che Konz­er­tor­gan­ist William Wol­sten­holme galt als recht pro­duk­tiv­er Kom­pon­ist, der den organ­is­tis­chen Orgel­musik-Out­put sein­er Epoche mit typ­is­chen Gen­restück­en des post-vik­to­ri­an­is­chen Geschmacks steigerte. Zu Lebzeit­en viel gespielt, war seine Musik wie auch die sein­er Kol­le­gen, etwa seines Fre­un­des Alfred Hollins, größ­ten­teils jedoch aus der Mode gekom­men. Die hier von Richard Brasi­er aus­gewählten Werke Wol­sten­holmes zeigen einen Quer­schnitt seines Œu­vres, ange­fan­gen bei kleinen Pri­ma-vista-Stückchen bis hin zur aus­laden­den Con­cert Ou­verture No. 2. Tech­nisch stellt dieses 1907 ent­standene Opus 61 sicher­lich keine Her­aus­forderung für ver­sierte Organ­is­ten dar. Wer sich diesem Werk aber annimmt, der sollte darin mehr als nur eine „Fin­gerübung“ sehen.
Bei­de Bände sind in ansprechen­der Druck­qual­ität auf­bere­it­et und dem am britis­chen Kul­turgut „Orgel“ Inter­essierten zu empfehlen.

Wolf­gang Valerius