Bach, Johann Sebastian

Orgelwerke

Verlag/Label: Querstand 2788213 (2012)
erschienen in: organ 2013/03 , Seite 54

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Die im Okto­ber 2011 neu in Dienst genommene Orgel im Remter (spät­go­tis­ch­er Kapi­tel­saal) des Magde­burg­er Doms erst­mals disko­grafisch mit Werken J. S. Bachs vorzustellen macht Sinn, begreift sich das vollmech­a­nis­che zweiman­u­alige Opus (20–22/II/P) auf Schlei­fladen doch als „ein auf die Tugen­den des barock­en Orgel­baus zurück­greifend­es Instru­ment“ (Quer­stand). Dies gilt umso mehr, als die nahezu hun­dert­stim­mige West­orgel der gotis­chen Riesenkathe­drale (A. Schuke, 2008) klangäs­thetisch nicht unmit­tel­bar auf die Poly­phonie des mit­teldeutschen Orgel­ge­nies aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhun­derts gemünzt und zudem auf Ton­träger mit über­wiegend orgelsin­fonis­chem Reper­toire bere­its mehrfach doku­men­tiert ist. Die neue Remter-Orgel stellt ein Gemein­schaft­spro­jekt von Glat­ter-Götz (Owin­gen) mit Manuel Rosa­les (Los Angeles/USA) dar. Let­zter­er zeich­nete maßge­blich auch für die Men­su­rierung und Into­na­tion ver­ant­wortlich. Der Gehäuseen­twurf stammt von Gra­ham Tris­tram (Edinburgh/UK), die klan­gliche Dis­po­si­tion von Bar­ry Jor­dan, Manuel Ros­ales und Kevin Ear­ly Gilchrist.
Freilich birgt heute jede Neuein­spielung Bach’scher Orgel­w­erke an­gesichts des inzwis­chen infla­tionären Überange­bots auf dem Fono­markt für den Inter­pre­ten gewisse Risiken. Auch die beson­deren Maß­stäbe, die an ein kün­st­lerisches Bach-Spiel heutzu­tage angelegt wer­den, sind zumal in Zeit­en eines ver­schärften auf­führungskri­tis­chen Be­wusstseins glob­al­isiert und die Inter­preation­s­stan­dards angesichts dut­­zender, vielfach preis­gekrön­ter Gesam­tauf­nah­men auf her­aus­ra­gen­den (his­torischen) Ref­eren­zin­stru­menten beachtlich. Zusät­zliche Bach-Ein­spielun­gen weck­en somit automa­tisch Erwartung­shal­tun­gen an wirk­lich neue Hör­erleb­nisse im Umgang mit den sattsam bekan­nten Par­ti­turen.
„Um die Qual­itäten der neuen Orgel im Remter zu verdeut­lichen“ (Book­let­text), hat Bar­ry Jor­dan, musikalis­ch­er Haush­err am Spieltisch der nun­mehr drei Domorgeln, für seinen ersten Ton­träger am neuen Remter-Instru­ment zwei „große“ freie neb­st diversen Can­tus-fir­mus-gebun­de­nen Opera des Thomaskan­tors aus­gewählt: Präludi­um & Fuge C-Dur BWV 547, Par­ti­ta „O Gott, du from­mer Gott“ BWV 767, Orgel­choräle BWV 607/11/15/18/41, 645–50 (Schübler-Choräle) sowie Toc­ca­ta und Fuge F-Dur BWV 540. Im minimalis­tisch ger­ate­nen Schwarz-Weiß-Book­let (in Deutsch und Englisch) wird dem Hör­er neben der Dis­po­si­tion über die Konzep­tion des Instru­ments lediglich mit­geteilt, dass bei dessen Bau intendiert war, „die beson­deren Vorzüge des mit­teldeutschen Orgel­baus zur Bach-Zeit aufzunehmen und neu zu real­isieren – darunter die Viel­far­bigkeit dieses Stils (auch bei geringer Reg­is­terzahl) und die poly­phone Durch­hör­barkeit, die für die Musik der Zeit uner­lässlich ist“.
Das erzielte musikalis­che Resul­tat weckt indes beim Hör­er ambiva­lente Gefüh­le. Der Orgelk­lang wirkt, fre­undlich aus­ge­drückt, recht kam­mer­musikalisch bis intro­vertiert – obgle­ich es ganz konkret eine zweis­chif­fige gotis­che Gewöl­be­halle von immer­hin rund 46 Metern Länge zu bespie­len galt. Es fehlt deut­lich an barock­er „poly­chromer“ Kernigkeit des Klangs. Trotz der vorhan­de­nen Präsenz im Raum bleibt aufs Ganze gese­hen ein fahler Nachgeschmack von per­ma­nen­tem Under­state­ment. So man­gelt es den freien Werken an baro­cker Strahlkraft („stumpfe“ Mix­turen) und sonor­er Grav­ität der Rohrw­erke (beson­ders in der F-Dur-Toc­ca­ta mit den aus­laden­den Ped­al­soli). Bess­er kommt dage­gen die kon­tra­punk­tis­che Fak­tur bei den unter­schiedlichen Choral­bear­beitun­gen zur Gel­tung, die von Jor­dan geschickt für kon­trastre­iche Reg­is­ter­demon­stra­tio­nen (aparte Solostim­men) genutzt wird. Möglicher­weise sind diese Aspek­te ins­ge­samt auch ein­er „unglück­lichen“ Aufnahme­­situation bzw. Mikro­fonierung geschuldet, was sich nur durch eine Über­prü­fung der klan­glichen Live-Sit­u­a­tion vor Ort objek­tivieren ließe. Das Orgel­spiel Bar­ry Jor­dans selb­st wirkt streck­en­weise über­vor­sichtig und im unin­spiri­erten Sinne rou­tiniert.
Am Ende erscheint alles recht ver­traut; wirk­liche Über­raschun­gen hin­sichtlich des Instru­ments oder neu for­mulierte gestal­ter­ische Ein­sicht­en in den Orgelkos­mos Bachs wird man auf dieser CD nicht find­en kön­nen – dazu bleiben Klan­glichkeit und Inter­pre­ta­tion­sansatz zu beliebig. Möglicher­weise bergen Instru­ment und Inter­pret gle­ich­wohl ein hier noch unent­deck­tes Poten­zial, das es in ein­er weit­eren Pro­duk­tion mit der Remter-Orgel zu aktivieren gilt – dann sin­nvoller­weise: sen­za Bach!

Han­nah Oel­snitzer