Kraft, Karl

Orgelwerke

Claudia Waßner an der histo­rischen Marienorgel (1904) im Hohen Dom zu Augsburg

Verlag/Label: Eigenproduktion (2012); Bezug: Augsburger Dommusik, Hoher Weg 30, 86152 Augsburg, cwassner@web.de)
erschienen in: organ 2012/03 , Seite 53

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Aus dem umfan­gre­ichen Schaf­fen Karl Krafts (1903–78) ver­mochte vor­ab die kleine Messe in Es-Dur (op. 64) im Reper­toire der Kirchenchöre zu über­leben. Kraft studierte an der dama­li­gen Akademie der Tonkun­st in München Kirchen­musik und Orgel und wirk­te ab 1923 mit kleineren Unter­brechun­gen als Domor­gan­ist in Augs­burg. Mitte der 1930er Jahre galt er bere­its als ein­er der pro­fil­iertesten katholis­chen Kirchenkom­pon­is­ten sein­er Zeit. Zu seinen bekan­ntesten Werken gehören eben­so die von roman­tis­ch­er Heimat- und Naturverk­lärung getra­ge­nen Lied­ver­to­nun­gen nach Gedicht­en Eichen­dorffs. Ander­er­seits erfuhr er sein­er viel gerühmten Impro­vi­sa­tion­skun­st am Augs­burg­er Dom wegen hohe Wertschätzung.
Die vor­liegende CD macht deut­lich, dass es noch weit­ere lohnende, zum Teil unveröf­fentlichte, Werke ins­beson­dere für Orgel solo zu ent­deck­en gibt. Einge­spielt wur­den hier Präludi­um und Dop­pelfuge op. 60b, Vier Choral­par­titen, Fünf Vor­spiele zu Wei­h­nacht­sliedern op. 34 (ed. 1939) sowie Präludi­um, Cha­conne und Fuge in d-Moll. Erschienen sind bei Böhm lediglich die Wei­h­nachtschoräle und zwei der ins­ge­samt fünf Par­titen aus op. 88 (ed. 1955).
Wie ist Krafts Ton­sprache stilis­tisch nun einzuord­nen? Ein­er­seits ist dur­chaus eine Ver­wurzelung des Kom­pon­is­ten in der deutsch-roman­tis­chen Tra­di­tion hör­bar, teil­weise gemah­nt der Ges­tus an Bruck­n­er oder die Chro­matik Regers. Gle­ichzeit­ig ist aber auch die Hin­wen­dung zu ein­er her­ben, modalen Klan­glichkeit festzustellen, etwa im Stil Hein­rich Lemach­ers (1891–1966). Die Orgel­w­erke Krafts sind spür­bar aus der litur­gis­chen Prax­is während sein­er 53-jähri­gen Amt­szeit als Augs­burg­er Domor­gan­ist ent­standen. Die spez­i­fis­che Domakus­tik und die im Kirchen­schiff recht indi­rekt wahrnehm­bare Maerz-Orgel dürften jew­eils das Ihre zur Aus­bil­dung des Kraft’schen Per­son­al­stils auf der Orgel beige­tra­gen haben.
Wie meist bei sel­tenem oder bis­lang gar nicht einge­spiel­tem Reper­toire stellt sich auch hier die Frage, ob es hier denn wirk­lich durchgängig um „große“ Musik geht. Und man wird in diesem Punk­te mit dem Urteil eher vor­sichtig sein müssen. Kraft zeich­net bei ein­er gewis­sen sakralen Strenge – sein­er Musik geht jed­er gefäl­lige Zug ab – gle­ich­wohl ein gewiss­es vir­tu­os­es Brio aus, das so viele franzö­sis­che Kom­po­si­tio­nen sein­er Gen­er­a­tion ausze­ich­net, ihm aus sein­er süd­deutsch-klerikalen Pers­pektive selb­st jedoch sus­pekt gewe­sen wäre. Wo ein solch­es auf­flack­ert, wie in der zweit­en Fuge von op. 60b – von weit­em grüßt Regers gewichtiges Opus 135b –, erlebt man fra­g­los die schön­sten Momente der CD. Franz R. Miller schrieb über Kraft: „Er schreibt […] mit dem Herzen eines Lieb­haber sein­er Kun­st. Aber das Herz zeigte er nicht her.“ Diese emo­tionale Reserviertheit kennze­ich­net auch das Orgel­w­erk Krafts. Vielle­icht ist aber ger­ade dieser Ges­tus auch eine – sich­er unzeit­gemäße – Stärke des weit­ge­hend vergesse­nen Prov­inzkom­pon­is­ten aus dem katholis­chen Süden Deutsch­lands. Inmit­ten ein­er Welle von vergesse­nen Roman­tik­ern und süßlichen postro­man­tis­chen Nach­schöp­fun­gen, die zur Zeit die Orgel­szene über­fluten, gewin­nt seine Musik einen eige­nen Stel­len­wert.
Sym­pa­thisch mithin das Engage­ment der amtieren­den Augs­burg­er Domor­gan­istin Clau­dia Waßn­er, die sich vor­bildlich um die Werke ihres Vorgängers bemüht. Die durch­weg gelun­gene Inter­pre­ta­tion prof­i­tiert auch von der disko­grafisch nicht über­mäßig stark vertrete­nen dien­stäl­testen Domorgel Deutsch­lands. Die Auf­nah­me­tech­nik hat einen guten Kom­pro­miss zwis­chen Klarheit und dem für diese Musik so wichti­gen Raumk­lang gefun­den und Krafts ein­stiges Dien­stin­stru­ment – die kle­in­ste Domorgel Deutsch­lands – recht schön einge­fan­gen, das der Münch­en­er Orgel­bauer Franz Bor­gias März im Jahre 1904 mit 36/II/P auf Kegel­laden und pneu­ma­tis­chen Trak­turen erbaut hat­te. Das infor­ma­tive Book­let enthält auch einige charak­ter­is­tis­che Porträts des Kom­pon­is­ten.

Axel Wilberg