Barbara Kraus-Nohr
Orgelschule
Spieltechnische und gestalterische Grundlagen des künstlerischen Orgelspiels
Auf der bewährten Grundlage früherer Ausgaben und ihrer jahrzehntelangen Praxis als Orgelpädagogin und Solistin bietet die Autorin in dieser erweiterten Neuauflage einen schier überwältigenden Mikrokosmos an Parametern zum Erlernen des Orgelspiels, quasi „von der Pike auf“. In fünf übergeordneten Kapiteln – A. Voraussetzungen/Konzeption der Orgelschule/Übemethodik, B. Grundstufe 19. und 20. Jahrhundert, C. Fortgeschrittenenstufe: „Empfindsamer Stil“/Klassik, D. Aufbaustufe: Spätbarock, E. Anhang: Literatur-, Komponisten- und Melodienverzeichnis – werden alle erforderlichen Übungswege für den „anfahenden“ Organisten als auch für den bereits „habilitierten“ Spieler, quasi als Repetitorium und in überdeutlichem Fortschreiten spieltechnischer sukzessiver Entwicklungen begangen.
Folgt der Adept allen methodischen Anweisungen, so erarbeitet er sich ein zuverlässiges Rüstzeug für ein solides Orgelspiel. Der bereits fortgeschrittene Klavierschüler darf sich auf der Basis ihm bekannter Literatur nun die Welt des Orgelspiels erschließen, wobei er sich anhand vertrauter Melodien technische und gestalterische Grundlagen im Manual- und Pedalspiel erwirbt. Die geschickte Auswahl an kurzen Literaturstücken vermittelt auch das Internalisieren der Koordination von Haltung, Manual- und Pedalspiel. Aufführungspraktische und musikgeschichtliche Hinweise ergänzen den Fundus an progressivem, natürlichem Hineinwachsen in ein ausgeglichenes, entspanntes und sicheres Orgelspiel.
Der im Untertitel genannte Anspruch, hier ein Vademecum hin zum Künstlerischen vorzulegen, wird weitgehend eingelöst. Letztlich bedarf es aber doch einer fähigen Hand des Orgelpädagogen, den Schülerinnen und Schülern auf eine angenähert künstlerische Vortragshöhe zu heben.
Sehr überzeugt hat den Rezensenten die Lesefreundlichkeit aller Notenbeispiele in Großdruck, dazu eine perfekte Notierung von Finger- und Fußsatz sowie aller notwendigen Vortragsbezeichnungen einschließlich hilfreicher Registriervorschläge. Die Orgelschülerinnen und -schüler können sich bei Barbara Kraus-Nohr wie in Abrahams Schoß fühlen, wenn sie alle vorgegebenen Hilfestellungen nützen und durchhalten.
Ein Anhangskapitel zu elementaren Prinzipien der liturgischen und freien Improvisation wäre vielleicht noch empfehlenswert gewesen. So bleibt der Nutzer stets auf einer „geführten Exkursion“ durch die Landschaft solider klassischer Orgeltechnik. Abzweigungen darf er sich aber in den Angaben zu weiteren Literaturvorschlägen erlauben.
Alles in allem bietet diese Orgelschule in empfehlenswertem Maße das, was ein Standardwerk dieser Gattung auszeichnen sollte. Sehr zu loben ist die buchtechnische Ausstattung durch den Verlag in Übersichtlichkeit und schönem plastischen Notensatzspiegel. Das fördert zugleich einen wertschätzenden Umgang der Orgelschülerinnen und -schüler mit dem Printmedium und dient der Hinführung zu einer veritablen Ästhetik des Orgelspiels.
Wolf Kalipp


