Orgelmusik zur Weihnachtszeit

Benedikt Bonelli an den drei Orgeln der Basilika St. Lorenz in Kempten (Allgäu)

Verlag/Label: Ambiente ACD-1102 (2024)
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2025/04 , Seite 57

Werke von John Bull, Franz Xaver Murschhauser, Johann Pachelbel, Georg Muffat, Johann Sebastian Bach, Guy Bovet, Franz Lehrndorfer, Marcel Dupré, Max Gulbins und Franz Xaver Schnizer

Bewertung: 4 von 5 Orgelpfeifen

Kempten im Allgäu – kalter Winter, blauer Himmel, eine schneebedeckte Treppe. Sie führt zu den beiden Türmen und dem Eingangsportal der Basilika St. Lorenz. Ist das nicht eine, zugegeben etwas kli­scheehafte, gleichwohl sympathische Kulisse, ein schönes Beispiel für ein Weihnachtsidyll? Benedikt Bonelli jedenfalls lässt just eine solche Stimmung dank der Orgelklänge aus vier Jahrhunderten vor den geis­tigen Augen und Ohren aufkommen. Mit seinem gediegenen Programm zum Lobe des neugeborenen Christkindes präsentiert er ein einzigartiges Ensemble aus drei Instrumenten in St. Lorenz: die große Hauptorgel auf der Westempore (Walcker 1866 / Zeilhuber 1940 / Lenter 2020), die Marienorgel (Lenter 2021) sowie die Lauren­tius­orgel (Rowan West 2021).
Alle drei Orgeln haben ihre je eigene Persönlichkeit und stehen für drei ganz unterschiedliche Stile. Benedikt Bonelli, seit 2009 musikalischer Hausherr der Kemptener Basilika, nutzt diese wahrlich luxuriöse Vielfalt auf treffliche Weise. Er wählt für die leicht ungleichstufig temperierte Marienorgel (ihr dienten Instrumente von Johann Nepomuk Holzhey als Vorbilder) Musik u. a. von J. S. Bach und Franz Xaver Schnizer. Auf der Laurentiusorgel spielt Bonelli Kompositionen, die exemplarisch für die Epoche der Renaissance resp. des Frühbarock stehen: John Bull, Georg Muffat und Johann Pachelbel etwa. Das herr­liche Instrument mit mitteltöniger Stimmung (nach Michael Praetorius) verströmt einen äußerst charakteristischen Klang von angenehmer Schärfe, großer Klarheit und Trans­parenz und lässt Muffats Toccata decima überaus lebendig werden. Die „nur“ 13 auf einem Manual und Pedal verteilten Register künden von der großen Kunst ihres Erbauers Rowan West – das vorletzte Meis­terwerk des 2023 verstorbenen Orgelbauers. Benedikt Bonelli lässt auf diesem feinen Kleinod eine farbenreiche Aria Pastoralis Variata von Franz Xaver Murschhauser entstehen mit kristallklaren Obertonre­gis­tern und einer zauberhaft schwebenden Bifara.
Bleibt das Kemptener Orgel-Schwergewicht: die Hauptorgel auf der Westempore, im Kern deutsch-romantisch, 1940 erheblich erweitert und zeittypisch barockisiert, von der Werkstatt Lenter 2020 gründlich „auf Vordermann“ gebracht. Bonelli greift in Max Gulbins’ drei (von den vier) Weihnachts-Festfan­tasien op. 104 weitgehend auf den Walcker-Bestand zurück. Dies tut er auch in Marcel Duprés Variations sur un Noël, zweifellos das Bravourstück dieser CD-Produktion. Die 64 Register bieten alles, was des Organisten Herz begehrt. Und Bonelli erweist sich als eminent virtuoser und hochmusikalischer Interpret. Dies alles macht größtes Vergnügen – auch weit über das Weihnachtsfest hinaus!

Reichhaltige und von Markus Zimmermann kompetent formulierte Informationen über die Kemptener Orgel-Trias und deren Geschichte bietet übrigens die 36-seitige, im Kunstverlag Josef Fink erschienene Broschüre Die Orgeln der Basilika St. Lorenz, Kempten (Allgäu) mit vielen Fotos und detaillierten Angaben zu den Instrumenten.

Christoph Schulte im Walde

 

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