Orgelmusik am Wiener Hof

Werke von Johann Jacob Froberger, Johann Caspar Kerll und Georg Muffat

Verlag/Label: NCA 60207 (2009)
erschienen in: organ 2010/02 , Seite 54

Bew­er­tung: 4 Pfeifen

Der Orgel­musik des süd­deutsch-öster­re­ichis­chen Stilkreis­es haftet bis in unsere Gegen­wart ein bisweilen exo­tis­ches Moment an. Gewiss, man ken­nt die wesentlichen Kom­pon­is­ten­na­men, aber die Kom­po­si­tio­nen selb­st haben nie einen ähn­lichen Rang bezüglich des Repertoire­werts erlangt wie gle­ichzeit­ig ent­standene Kom­po­si­tio­nen etwa der nord- oder auch mit­teldeutschen Schule. Die sparsame Ver­wen­dung des (begren­zten) Ped­als mochte in der Ver­gan­gen­heit dazu beige­tra­gen haben, in dieser „Gebrauchsmusik“ Pri­ma-Vista-Lit­er­atur des sakralen, klöster­lichen Umfelds zu sehen, die ein­er Behand­lung im Kon­text eines Hochschu­lun­ter­richts nicht lohnte.
Erfreulicher­weise bezeu­gen viele neue­re Auf­nah­men das Gegen­teil. Den bei­den vor­liegen­den CDs Orgel­musik am Wiener Hof darf dabei ein beson­deres Gewicht zuge­sprochen wer­den. Sowohl die Auswahl an durch­weg gewichti­gen Musik­w­erken wie auch die Wahl zweier exzel­len­ter his­torisch­er Instru­mente garantieren ein ein­druck­volles Hör­erlebnis. Schon die ersten Tak­te von Froberg­ers Toc­ca­ta FbWV 103 hin­ter­lassen den Ein­druck ein­er „gro­ßen“ Musik, die einem Dieterich Bux­te­hude in nichts nach­ste­ht, wozu auch die opu­lente Fes­torgel der Stift­skirche Klosterneuburg bei Wien entschei­dend bei­trägt. Die aus­gewählten Werke von Froberg­er (Ri­cercar FbWV 405, Fan­ta­sia FbWV 204, Ricer­car FbWV 411, Toc­ca­ta FbWV 102, Capric­cio FbWV 505, Toc­ca­ta FbWV 105 Capric­cio FbWV 516) und Johann Cas­par Ker­ll (Mag­ni­fi­cat quar­ti toni, Toc­ca­ta IV, Can­zona in d, Ricer­ca­ta in cylin­drum phono­tacticum trans­feran­da, Toc­ca­ta V und die Pas­sacaglia) bieten einen schö­nen, repräsen­ta­tiv­en Quer­schnitt durch das Schaf­fen der bei­den Kom­pon­is­ten. Den Abschluss bildet Muf­fats Toc­ca­ta I, die in ihrem archais­chen Duk­tus repräsen­ta­tiv für den Toc­caten­zyk­lus des Appa­ra­tus und pro­b­lemlos auf einem mit­teltönig ges­timmten Instru­ment darstell­bar ist.
Jere­my Joseph set­zt als Inter­pret auf metrische Strin­genz, an den richti­gen Stellen auch auf organ­is­tis­che Vir­tu­osität, und nutzt die Far­bigkeit des einzi­gar­ti­gen Instru­ments gebührend. Neben den aus­ge­sprochen gelun­genen Inter­pre­ta­tio­nen mag an der einen oder anderen Stelle auch ein Wun­sch offen bleiben. So trägt die große Plenumsregis­trie­rung am Beginn der Muf­fat-Toc­ca­ta nicht unbe­d­ingt zur klan­glichen Trans­parenz bei.
Eben­so wie Jere­my Joseph ver­fügt auch Wolf­gang Kogert bei der Gestal­tung der Musik von Georg und Got­tlieb Muf­fat über hohe Stil­sicher­heit und auf­führung­sprak­tis­che Kom­pe­tenz. Im Ver­gle­ich bei­der Organ­is­ten ver­har­rt Joseph jedoch bisweilen im Bere­ich allzu glat­ter Unverbindlichkeit. Hier hätte hin und wieder etwas mehr Espres­si­vo, zumal bei un­erwarteten Har­moniewech­seln, sich­er nicht geschadet; den einen oder anderen Triller hätte man sich etwas weniger mech­a­nis­tisch bzw. manch­es pas­sag­gio doppio mit etwas mehr Flex­i­bil­ität im Tem­po vorstellen kön­nen.
Georg Muf­fat bildet eine Art Scharnier zur zweit­en CD. An der jün­geren Orgel der Michael­erkirche sind die Toc­cat­en VII / XII und die Pas­sacaglia aufgenom­men, dazu einige weniger bekan­nte Werke Got­tlieb Muf­fats (Kyrie und Glo­ria aus der Mis­sa in F, Toc­ca­ta XI „sammt sechs Ver­setl“, Toc­ca­ta und Capric­cio XV und Can­zona XI). Auch hier passen Musik und Instru­ment her­vor­ra­gend zusam­men. Kogert re­­gistriert nach Anweisun­gen von
J. B. Sam­ber und erzielt ger­ade in den Ver­setln eine schöne Far­bigkeit. Ent­täuschend gerät dage­gen Muf­fats Pas­sacaglia in ein­er wenig reizvollen, kaum verän­derten Reg­istrierung. Her­vorzuheben ist Kogerts geschick­ter Umgang mit der bekan­nter­maßen sen­si­blen Wind­ver­sorgung der Sieber-Orgel. Maß­volle Reg­istrierun­gen, ele­gante, in bestem Sinne „cantable“ Artiku­la­tion und gele­gentliche Arpeg­gien bestäti­gen den in höch­stem Maße geistvoll-intel­li­gen­ten Umgang mit dem Instru­ment. Got­tlieb Muf­fats Werke kön­nen zwar nicht den Anspruch eines organ­is­tis­chen Kom­pendi­ums erheben, wie das bei den Toc­cat­en seines (berühmteren) Vaters der Fall ist, überzeu­gen aber durch Charme und natür­liche Spiel­freude.
Die Verse zum Mag­ni­fi­cat bzw. zur Mis­sa wer­den klangschön von der Wiener Choralschola gesun­gen. Diese Prax­is ist vor­be­halt­los zu begrüßen, da sie die Ver­setl in den gen­uinen litur­gis­chen Kon­text stellt und eine vom Kom­pon­is­ten nicht intendierte Aneinan­der­rei­hung kür­zester Sätzchen ver­mei­det.
Die Aus­stattung der CDs ist sehr schön, die Book­let­texte liegen in Deutsch, Englisch und Franzö­sisch vor. Bei­de Auf­nah­men kön­nen wärms­tens emp­fohlen wer­den, für den beflis­se­nen Orgel­fre­und wie als geeignete „Ein­steig­er­auf­nah­men“ für diesen recht speziellen Stil­bere­ich.

Axel Wilberg