Günther Wess

Orgel-Welten

Repertoire und alltägliche Praxis für Amateure

Verlag/Label: Universal Edition, Wien 2025, 176 Seiten, 19,95 Euro
erschienen in: organ - Journal für die Orgel 2026/01 , Seite 54

Nichts Geringeres als die „Entthronung“ der Orgel als Königin der In­strumente fordert Günther Wess in seinem ansprechenden und übersichtlich gestalteten Band Orgel-Welten. Dem Autor, Naturwissenschaftler und Organist im Nebenamt, nach fünfzig Dienstjahren ausgezeichnet mit der Sturmius-Medaille des Bistums Fulda, ist jedoch nicht daran gelegen, die Orgel zu marginalisieren – ganz im Gegenteil: Er tritt vehement für deren Neupositionierung ein, und zwar nicht als Liturgie-Instrument, das „in einer Ecke der Kirche verschwindet“, sondern als Soloinstrument „auf Augenhöhe“ mit anderen Instrumenten und offen für neue Möglichkeiten der Spielpraxis.
Dass dies Konsequenzen für die Ausbildung von Organistinnen und Organisten im Nebenamt hat, liegt auf der Hand. Ebendiese „besessenen und selbstbewussten Autodidakten“ spricht Wess in seinem Buch explizit an. Aufgrund ihrer begrenzten Übezeit bewegen sie sich zwischen den Extremen, entweder ein Stück bis zur Konzertreife einzustudieren oder sich eine größere Zahl von Stücken zu erarbeiten und dabei zu akzeptieren, dass diese vielleicht nur mittelmäßig gespielt werden können.
Um diesem Dilemma auf Seiten seiner Zielgruppe abzuhelfen, entwickelt der Autor in seinen Orgel-Welten ein spielpraktisches Kompendium für Amateure im Orgeldienst, indem er – auf der Grundlage des umfangreichen Repertoires, das er sich selbst im Laufe seiner Jahre als nebenamtlicher Organist erarbeitet hat – konkrete Hilfestellung anbietet: zum einen, wenn es um Fragen der alltäglichen Praxis geht (wie Literaturauswahl, Finger- und Fußsätze, Improvisation, Registrierung, Planung eines Programms für den Gottesdienst), zum anderen bei der Auswahl von Orgelliteratur, die für Amateurmusiker von Bedeutung sein kann. Dabei bietet nicht nur eine chronologische Einordnung von Bach bis Denis Bédard Orientierung, sondern auch eine zusätzliche Gliederung in einzelne Abschnitte zu Komponistinnen, zu Stücken für kirchliche Feste, zu Hochzeiten oder auch zu populärer Musik und Jazz.
Bei aller spielpraktischen und literaturtheoretischen Unterstützung ist selbstredend jede Organistin, jeder Organist aufgerufen, eigene Wege zu suchen und kreative Lösungen zu erarbeiten. Nicht jedem Amateur wird es ein Herzensanliegen sein, das gesamte Orgelwerk von Bach mehrmals durchzuspielen oder sich nach dem Vorbild des Autors die Tonsprache Messiaens anhand der Apparation de l’église eternelle zu erschließen. Jedoch ist dem Autor zuzustimmen, wenn er resümierend anmerkt, dass es angesichts neuer digitaler Techniken und damit neuer Möglichkeiten für das Instrument Pfeifenorgel „Leute mit vielseitigen Fähigkeiten“ braucht, die sich als Suchende verstehen. Die wichtigste Motivation aber dürfte – ob für Profi oder Amateur/Amateurin – die Leidenschaft sein, mittels der universellen Kraft der Musik Menschen zu berühren und zu erfreuen. Diese Leidenschaft bei möglichst vielen Leserinnen und Lesern geweckt zu haben, sei dem Autor und uns allen gewünscht.

Barbara Walter

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