Frescobaldi, Girolamo

Orgel- und Clavierwerke Band II

Capricci; hg. von Christopher Stembridge

Verlag/Label: Bärenreiter, BA 8413
erschienen in: organ 2015/03 , Seite 62
In der Bären­re­it­er-Edi­tion­srei­he der Orgel- und Cem­balow­erke des illus­tren Giro­lamo Fres­cobal­di (1583– 1643) ist nun der zweite Band mit Capric­ci erschienen. Als Her­aus­ge­ber ver­ant­wortlich zeich­net hier der britis­che Cem­bal­ist, Organ­ist und Musik­forsch­er Christo­pher Stem­bridge. Grund­lage der vor­liegen­den Edi­tion ist die Orig­i­nalaus­gabe von 1624 mit dem Titel Il Pri­mo Libro di Capric­ci fat­ti sopra diver­si Sogget­ti, et Aria, die eine Nach­folge­samm­lung ein­er bere­its 1615 erschiene­nen Aus­gabe ver­schieden­er Capric­ci darstellt. 
Der Begriff des „Capric­cio“ ist unklar, sowohl in musikalis­ch­er wie auch in his­torisch­er Hin­sicht. Möglich wären Syn­onyme wie Gedanke (Inven­tio), Fan­tasie oder auch „Idee“. Das Verän­der­liche und Unbeständi­ge, Vari­a­tio­nen über sogget­ti bis hin zur Darstel­lung vir­tu­osen Kön­nens durch kun­stvolle Verzierung­stech­nik, mögen eine zutr­e­f­fende Umschrei­bung des Begriffs „Capric­cio“ bieten. Fres­cobal­di wen­det sich mit den neuer­lichen Capric­ci-Kom­po­si­tio­nen, auch für den ver­sierten Kom­pon­is­ten gewis­ser­maßen „Neu­land“, an avancierte Musik­er; es schien ihm eine geeignete Form des Studi­ums der Kon­tra­punk­tik wie auch eines stile nuo­vo (fast alle Musik­drucke dien­ten stets als Lehr- und Lern­ma­te­r­i­al) zu sein. 
Die Bären­re­it­er-Edi­tion zeich­net sich dadurch aus, dass sie den neues­ten Forschungs­stand repräsen­tiert. Schon allein das Vor­wort liefert einen bemerkenswerten akademis­chen Diskurs mit aus­führlichem Anmerkungsap­pa­rat. Nicht ohne die Mühe gedanklich­er Anstren­gun­gen wird der Leser sich durch diese Seit­en dur­char­beit­en; am Ende ste­ht jedoch das erhel­lende Ergrün­den kom­plex­er musikphilol­o­gis­ch­er Frage- und Prob­lem­stel­lun­gen. Der Rezensent zollt dem Autor/Herausgeber bewun­dern­den Respekt, dass er es schafft, mit zum Teil krim­i­nal­is­tis­chen Meth­o­d­en eine längst ver­sunkene Musik­welt lebendig neu erste­hen zu lassen. So wird der Leser en pas­sant darüber aufgek­lärt, dass Kuck­uck­srufe als sogget­ti einiger Ca­pricci nicht nur bloße mimetis­che Nach­bil­dun­gen des Natur­lauts darstellen, son­dern leg­en­den­haft eben­so die Jungfrau Maria sym­bol­isieren. 
Ein Kri­tis­ch­er Bericht am Ende des Ban­des, in dem die ver­schiede­nen Vari­anten Erwäh­nung find­en, run­det die Aus­gabe ab. Während das Vor­wort zweis­prachig (D/E) ist (die deutsche Über­set­zung mith­il­fe von Sven Hiemke), ist der Kri­tis­che Bericht bis auf wenige Aus­nah­men lei­der nur in englis­ch­er Sprache abge­fasst. Der Noten­text entspricht den pro­fes­sionellen Stan­dards des Ver­lags; auf prak­tik­able Wen­destellen wurde größ­ten­teils Rück­sicht genom­men. 
Wer an ital­ienis­ch­er Musik des 17. Jahrhun­derts großes Inter­esse hat, wird an dieser Edi­tion kün­ftig nicht vor­beikom­men. Der hier real­isierte hohe edi­torische Stan­dard des Ban­des (wie auch der übri­gen Bände) mit Musik von Giro­lamo Fres­cobal­di hat freilich nicht nur seinen beson­deren Wert, son­dern auch einen stolzen Preis (49,95 Euro), der mit Blick auf die Qual­ität vol­lauf gerecht­fer­tigt erscheint.
 
Volk­er Ellen­berg­er