Organo pleno

Orgelmusik zum Ein- und Auszug, hg. von Armin Kircher

Verlag/Label: Carus 18.074 (2011)
erschienen in: organ 2011/04 , Seite 55

Der Titel der Samm­lung Organo pleno ist in diesem Falle wörtlich, also in seinem ursprünglichen barock­en Sinne zu nehmen. Wir haben es hier nicht mit ein­er „pull-out-all-the-stops-col­lec­tion“, son­dern mit ein­er Kom­pi­la­tion barock­er Prälu­di­en, Fughet­ten und Ver­set­ten zu tun, die reg­istri­ertech­nisch nach einem kräfti­gen prinzi­pal­fundierten „Plenumk­lang“ ver­lan­gen, freilich in ver­schiede­nen Abstu­fun­gen. Dabei liegt der Reper­toireschw­er­punkt auf Werken süd­deutsch­er Prove­nienz. Unter den Kom­pon­is­ten­na­men find­en sich ent­sprechend Johann Ernst Erber­lin, Johann Cas­par Fer­di­nand Fis­ch­er, Johann Eras­mus Kin­der­mann, Johann Anton Kobrich, Johann Krieger, Gio­van­ni Bat­tista Mar­ti­ni, Got­tlieb Muf­fat, Franz Xaver Anton Murschhauser, Johann Pachel­bel, Johann Bap­tist Pey­er, Josef Ferdi­nand Nor­bert Seger, Johann Cas­par Simon, Johann Speth, Friedrich Wil­helm Zachow und Domeni­co Zipoli. Etwas aus dieser Rei­he fall­en insofern Abra­ham van den Kerk­hoven, Nico­las-Antoine Lebégue (mit eini­gen Plein-Jeu-Sätzen), Guil­laume-Gabriel Nivers, John Stan­ley, Michel Corette und Georg Berg. Johann Sebas­t­ian Bach ist eben­falls als „Außen­seit­er“ – pars pro toto – mit einem Präludi­um (BWV 943) vertreten.
Die Stücke sind nach Tonarten geord­net und weisen alle­samt einen tech­nisch gerin­gen Schwierigkeits­grad auf. Es han­delt sich wie gesagt meist um typ­isch süd­deutsche Man­u­aliter-Lit­er­atur, teil­weise auch mit sparsamem Ped­alein­satz darstell­bar, was vor allem auch Spiel­ern an entsprechen­den his­torischen Orig­i­nalin­stru­menten ent­ge­genkommt.
Ins­ge­samt hin­ter­lässt die Samm­lung beim Rezensen­ten allerd­ings einen etwas zwiespälti­gen Ein­druck. Ein­er­seits han­delt es sich um solide Gebrauch­slit­er­atur; Druck­bild und Ausstat­tung entsprechen dem gewohn­ten Qual­ität­sniveau bei Carus. Ander­er­seits begeg­net man so manchem alten („anges­taubten“) Bekan­nten aus den frühen Tagen des ersten Orgelun­ter­richts bzw. der ersten Gottes­di­en­st­be­gleitun­gen. Die meis­ten der aufgenomme­nen Stücke sind demgemäß mehrfach bere­its veröf­fentlicht, sei es in gut greif­baren Werkaus­gaben der genan­nten Kom­pon­is­ten, in Sam­mel­bän­den unter Titeln wie „Vor­spiele alter Meis­ter“ oder auch als Pub­lic-Domain-Datei auf IMSLP.
Einige wirk­lich neue Veröf­fentlichun­gen aus dem Salzburg­er Orgel­buch hinge­gen sind von kompo­sitorisch „beschei­den­er“ Qual­ität. Somit ist die Antwort auf die Frage, ob eine Anschaf­fung sich lohnt, in diesem Fall stark vom Adres­sat­en abhängig. Ein Orgelschüler, der seine erste Noten­samm­lung auf­baut, wird hier eher gut bedi­ent sein, wäh­rend sich ein erfahren­er Organ­ist mit umfan­gre­ich­er Noten­bib­lio­thek angesichts der wohl unver­mei­dlich zahlre­ichen Dou­blet­ten zurück­hal­tender ver­hal­ten wird.

Axel Wilberg