Markull, Friedrich Wilhelm (1816–87)

Organ Works Vol. 1

Reihe Musica Baltica 2

Verlag/Label: Dabringhaus und Grimm, MDG 906 1990–6 (2017)
erschienen in: organ 2017/02 , Seite 55

5 von 5 Pfeifen

Die Auseinan­der­set­zung mit Orgel­land­schaften im 19. Jahrhun­dert fördert immer wieder Über­raschun­gen zutage. Friedrich Wil­helm Markull gehört heute zu den nahezu völ­lig vergesse­nen Kom­pon­is­ten, obwohl er (in Elbing geboren und seit 1836 Organ­ist in Danzig) im Osten des deutschen Ein­fluss­bere­ichs zu den ange­se­hen­sten Musik­ern sein­er Zeit gehörte, der das Danziger Mu­sikleben zu ein­er bemerkenswerten Blüte entwick­eln kon­nte und ein umfan­gre­ich­es Schaf­fen hin­ter­lassen hat. Dass sich dieses wed­er stilis­tisch noch handw­erk­lich hin­ter anderen Größen sein­er Zeit ver­steck­en muss, stellt jet­zt der hochver­di­ente Auf­takt ein­er Rei­he von Auf­nah­men des pol­nis­chen Organ­is­ten Andrzej Szade­jko – sein­er­seits Pro­fes­sor für Orgel an der Musikhochschule in Gdán­sk (Danzig) – unter Beweis.
Die hier vertrete­nen Kom­po­si­tio­nen spiegeln Markulls Arbeits- und Kom­ponier­all­t­ag: Während die Choralvor­spiele op. 123 sowohl für den Danziger Gottes­di­enst als auch für die Schüler­schar Markulls bes­timmt gewe­sen sein mocht­en, doku­men­tiert die recht het­ero­gene Samm­lung der „Nach­spiele“ die Vielfalt der Satztech­niken, die dem unter seinen Zeitgenossen sehr renom­mierten Kom­pon­is­ten zur Ver­fü­gung standen – bis hin zur mehrthe­ma­tis­chen Fuge. Die eben­falls aufgenommene Samm­lung der Trios op. 124 zeigt auf, dass Markull (ganz im Geist des 18. Jahrhun­derts) auch andere oblig­ate, stark kon­tra­punk­tisch über­formte Schreib­arten nicht fremd waren; sie find­en sich auch gele­gentlich in seinen Choralvor­spie­len, unter denen die vierteilige Fan­tasie über „Chris­tus, der ist mein Leben“ op. 73 beson­ders her­vorsticht.
Markull stand mit der Orgel an St. Marien in Danzig (damals noch lutherisch) ein dreiman­u­aliges Instru­ment mit fün­fzig Reg­is­tern zur Ver­fü­gung, die mit der Kirche und der gesamten Danziger Innen­stadt 1945 vol­lkom­men zer­stört wurde. Zu der Entschei­dung, sich für die Ein­spielung der Kom­po­si­tio­nen Markulls an die Buch­holz-Orgel der Hans­es­tadt Stral­sund zu be­geben, kann man Andrzej Szade­jko nur beglück­wün­schen: Mit der Orgel von 1841, die 2006 von Wegschei­der und Klais behut­sam auf den Ursprungszu­s­tand zurück restau­ri­ert wurde, ste­ht ihm ein so klangvolles wie überzeu­gen­des und vari­anten­re­ich­es Instru­ment ähn­lich­er Größe zur Ver­fü­gung.
Szade­jkos Spiel ist artiku­la­tion­sre­ich und aus­drucksvoll, dabei nie auf­dringlich vir­tu­os, son­dern immer ganz im Dienst der vielfälti­gen Kom­po­si­tio­nen, deren Abwech­slungsre­ich­tum die drei­di­men­sion­al aufgenommene Hybrid-SACD zu ein­er span­nen­den Begeg­nung wer­den und auf die näch­sten Fol­gen hof­fen lässt. Von beson­der­er Güte ist das infor­ma­tive Book­let mit einem klu­gen Essay und allen Regis­trierungen.

Birg­er Petersen