Bach, Johann Sebastian

Organ Works

2 CDs

Verlag/Label: MDG 606 1708-2 (2011)
erschienen in: organ 2011/04 , Seite 47

Bew­er­tung: 2 Pfeifen

Die hier vor­liegen­den Ein­spielun­gen der „großen“ Bach’schen Orgel­w­erke stam­men aus den Jahren 1981/ 82/85. Sie bilden als Reed­i­tio­nen in der vor­liegen­den Form gewisserma­ßen das musikalis­che Ver­mächt­nis des im Novem­ber 2010 ver­stor­be­nen Organ­is­ten, Musik­wis­senschaftlers und The­olo­gen Hubert Meis­ter, dem es als Inter­pret nach eigen­em Bekun­den stets darum ging, ins­beson­dere der Musik Bachs „leichter die Zunge zu lösen und sie zum Sprechen zu brin­gen“. Seine musikalis­che „Alpha­betisierung“ erhielt Meis­ter bei den Regens­burg­er Domspatzen. Neben Philoso­phie und (katholis­ch­er) The­olo­gie studierte er Musik in München, Orgel in der Meis­terk­lasse von Fer­nan­do Ger­mani in Rom. Ab 1975 unter­richtete er in Regens­burg, und von 1980 bis zu sein­er Emer­i­tierung im Jahre 2003 lehrte er als Pro­fes­sor für Musik­wis­senschaft und Musik­the­o­rie an der Musikhochschule in München.
Welche ist die richtige Herange­hensweise an Musik ver­gan­gener Epochen und speziell an die Musikschöp­fun­gen des großen Bach? Möchte ein Kün­stler mit seinen Inter­pre­ta­tio­nen gle­ich­sam ein Doku­ment von überzeitlich­er – und im Falle (dig­i­taler) Tonträgereinspie­lun­­gen gar zeit­los­er – Gültigkeit schaf­fen? Sug­geriert nicht ger­ade die (Mu­sik-) Wis­senschaft dem intellek­tuell reflek­tieren­den Inter­pre­ten mit ihren his­torischen bzw. philol­o­gis­chen Dat­en, Fak­ten und Wer­tun­gen gerne let­zt­gültige, nicht sel­ten zu Lehrmei­n­un­gen erhobene „Wahrheit­en“? Beim Hören dieser sicher­lich schon als „his­torisch“ zu wer­tenden Ein­spielun­gen drän­gen sich diese Fra­gen nicht nur hin­sichtlich des Spiels auf, sie stellen sich auch ob der Wahl der Instru­mente. Ohne Zweifel, Hubert Meis­ter ist ein ver­siert­er, tech­nisch höchst akku­rat agieren­der Organ­ist, der – wo immer ange­bracht – mit Leichtigkeit und vitaler Spiel­freude musiziert. Über­zo­genes Pathos ken­nt er nicht. Das Es-Dur-Prae­ludi­um, und auch die Fan­tasie BWV 542 kom­men gar kam­mer­musikalisch-aus­gedün­nt daher, das Choralvor­spiel zu „O Men­sch, bewein’ dein’ Sünde groߓ frei von jeglichem über­zo­gen-affek­tierten ma­ter mis­eri­cor­diae-Lamen­to alter Schule. Und doch beschle­icht den Hör­er hier das Gefühl, dass die vor­liegen­den Bach-Ein­spielun­gen ins­ge­samt doch zu glatt, zu „weichge­spült“ und poliert (weil auf Sicher­heit gespielt!?) daherkom­men. Also doch ein „Bach“ mit Frageze­ichen?
Dies mag zu einem gewis­sen Teil auch an den hier gewählten Instru­menten aus der Schweiz­erischen Werk­statt Math­is liegen, die alle­samt in den Bässen zwar edel, in den manuellen Grund­stim­men jedoch ger­adezu ana­lytisch-präzise und schlank intoniert sind. Auf­fal­l­end ist zudem eine gewisse Mix­turen­lastigkeit, die bei entsprechen­dem Dauere­in­satz bei Organo pleno-Stück­en (Prälu­di­en, Toc­cat­en, Fan­tasien etc.) die Gehörn­er­ven bisweilen arg zwiebeln kön­nen. Aber auch dies sollte man wohl bere­its als „his­torisch“ einord­nen, als eine Art von Pseudo­barock­klang, wie ihn anno 1980 auch viele andere Orgel­bauer als mehr oder weniger „authen­tisch“ erachteten. 

Wolf­gang Valerius