Carl Sattler
Organ Works
Reinhard Kluth an der Klais-Orgel der Zisterzienserabtei Himmerod
Mit der CD-Neuauflage der Einspielung von Carl Sattlers Orgelwerken hebt MDG in seiner „Preziosa“-Reihe eine Aufnahme von 1982 wieder ans Licht, die mehr ist als ein historisches Dokument. Sie wirkt, trotz ihres Alters, erstaunlich gegenwärtig. Das liegt zum einen an der Musik selbst, zum anderen an der zupackenden, unprätentiösen Interpretation durch den 2020 verstorbenen Reinhard Kluth, die jede museale Patina vermeidet.
Carl Sattler (1874–1938) gehört bis heute zu den Randfiguren der deutschen Orgeltradition um 1900. Als Kölner Organist an St. Maria im Kapitol steht er stilistisch im Spannungsfeld zwischen Spätromantik und liturgischer Praxis – mit hörbarer Nähe zu Max Reger, aber ohne dessen kompositorische Verdichtung. Sattlers Tonsprache bleibt durchlässiger, oft kantabler, mit einer eigenwilligen Mischung aus strenger Faktur und beinahe improvisatorischem Gestus. Gerade die großangelegten Sonaten zeigen, dass hier kein Epigone am Werk ist, sondern ein Komponist mit eigenem Profil – nur eben ohne nachhaltige Rezeptionsgeschichte.
Kluth nimmt diese Musik ernst, ohne sie zu überhöhen. Sein Zugriff ist direkt, die sind Tempi packend, aber nie übereilt, die Artikulation ist klar konturiert. Wo andere Interpreten spätromantisches Repertoire in klangliche Unschärfe tauchen, bleibt hier alles transparent. Besonders in den langsamen Sätzen gelingt eine Balance zwischen Ausdruck und Struktur: nichts wird sentimental ausgestellt, aber auch nichts trocken nivelliert. Diese Haltung gewinnt zusätzliches Gewicht durch die editorische Quellennähe – Kluth spielte aus dem autographen Manuskript und stand in persönlichem Kontakt mit dem einstmaligen Himmeroder Abteiorgenisten Pater Raimund van Husen, einem Schüler Sattlers.
Die Himmeroder Klais-Orgel erweist sich dabei einmal mehr als Glücksfall. Ihr Klang besitzt Substanz und Frische, ohne je schwer zu wirken. Die Register lassen sich farblich differenziert kombinieren, die Zungenstimmen haben Präsenz ohne zu dominieren. Gerade für Sattlers zwischen liturgischer Bindung und konzertanter Geste oszillierende Musik ist das ideal. Auch die aufnahmetechnische Realisierung überzeugt: Seinerzeit parallel analog und digital aufgezeichnet, klingt die Einspielung bemerkenswert lebendig. Der Raum ist präsent, ohne künstlich erweitert zu wirken; die Orgel steht plastisch im Klangbild, mit klar definiertem Fundament und differenzierter Frische.
Lohnt sich diese Wiederveröffentlichung? Unbedingt. Sie dokumentiert nicht nur einen zu Unrecht vergessenen Komponisten, sondern auch eine erfrischende, unmittelbare Musizierfreude, die ab den ersten Takten fesselt. Hier passt wirklich alles zusammen – Musik, Interpret, Instrument und Aufnahmetechnik. Absolut empfehlenswert.
Gabriel Isenberg


