Florence Beatrice Price
Organ Works
Tom Winpenny an der Skinner-Orgel der Saalkirche in Ingelheim
Bewertung: 4 von 5 Orgelpfeifen
Kaum zu glauben, aber wahr: Dieses Album ist (meiner Recherche nach) das erste, das ausschließlich Orgelwerke von Florence Beatrice Price (1887–1953) präsentiert. Einzelstücke finden sich verstreut auf diversen Tonträgern, aber erst das Label Naxos und sein „Hausorganist“ Tom Winpenny hatten offenbar den Mut (oder die Kapazitäten), acht der insgesamt 19 überlieferten Orgelwerke der ersten Afroamerikanerin, die in den USA als Komponistin klassischer Musk bekannt wurde, auf eine CD zu bannen. Zwei der acht Stücke, Caprice (Entstehung unbekannt) und Hour of Peace (1951), erklingen sogar als Weltersteinspielungen. An kurzen Werken (ca. 2 bis 3 Minuten) hören wir außerdem: Adoration (Fassung für Orgel 1951) und Retrospection. Wie die Namen vermuten lassen, handelt es sich hier (sowie auch bei Adoration) um eher meditative Kompositionen von großer Ausdruckskraft und Tiefe.
Von den größer dimensionierten Werken erklingen die First Sonata for Organ und die Passacaglia and Fugue (beide 1927) sowie die Variations on a Folksong (um 1949) und die Suite No. 1 for Organ (1942). Dass es bislang nicht einmal Prices herrliche erste Orgelsonate vollständig auf einen Tonträger geschafft hat (Jerrick Cavagnaro spielt auf seiner kürzlich bei Pro Organo erschienenen CD Firm Foundations nur den ersten Satz), ist ein Armutszeugnis für die Orgelwelt. Von der Suite finde ich nur eine einzige vollständige Einspielung: die CD Divine Euterpe mit Kimberly Marshall (Loft Recordings, 1993; Quelle für alle diskografischen Angaben: Naxos Music Library).
Dass die – an Bach geschulte – Passacaglia and Fugue angeblich keine Weltersteinspielung ist, ist mir unerklärlich; eine Aufnahme davon finde ich nicht. Tom Winpenny bezeichnet das Werk in dem von ihm verfassten Booklet-Text als Prices „magnum opus“ für Orgel – und man kann ihm nur beipflichten, zumal sich die Komponistin im Verlauf dieses Doppelwerks immer weiter vom großen Vorbild emanzipiert und eigene Töne anschlägt.
Die späten Werke der Komponistin klingen insgesamt weniger europäisch, sondern zum Teil sehr amerikanisch. Dies betrifft vor allem die Variations on a Folksong, die auf dem Spiritual Peter, go ring dem bells basieren und die ihre geografische (und spirituelle) Heimat nicht verleugnen. In der Suite mischen sich auf faszinierende Weise Elemente der Filmmusik (1. Satz) mit solchen aus der afroamerikanischen Spiritual-Tradition (2. Satz). Der dritte, „Toccato“ (statt Toccata) überschriebene Satz zeigt Price als eine Meisterin der Klangfarben und Harmonien.
Dass dieses Album auf ganzer Linie begeistert, ist nicht nur der guten Musik und ihrem nicht minder guten Interpreten Tom Winpenny, sondern vor allem auch dem Instrument zu verdanken: der einzigen Skinner-Orgel, die in einem europäischen Sakralbau steht: in der Saalkirche von Ingelheim. Die Aufnahme zeigt, welch ein grandioser Orgelbauer Ernest Martin Skinner gewesen ist.
Burkhard Schäfer


