Bossi, Marco Enrico (1861-1925)

Opera omnia per organo vol. XII

Transkriptionen nach alten Meistern

Verlag/Label: 2 CDs, Tactus TC 862790 (2017)
erschienen in: organ 2017/03 , Seite 49

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In ver­gan­genen Zeit­en galt es als standes­gemäß und zum „guten Ton“ ein­er (meist selb­ster­nan­nten) Bil­dungselite gehörend, dass enzy­klopädische Sam­mel­w­erke „von A bis Z“ an augen­fäl­lig promi­nen­ter Stelle ein­drucksvoll die Bücher­wände zierten … Eben­so durfte bei Mu­sikliebhabern eine möglichst lück­en­lose Kollek­tion audio­philer klas­sis­ch­er „Ref­eren­za­uf­nah­men“ nicht fehlen.
Doch der­ar­tiges bil­dungs­bürg­er­lich­es Samm­lerge­baren gehört der Ver­gan­gen­heit an. Wis­sen und Infor­ma­tio­nen sind zur ständig und allüber­all ver­füg­baren Ware gewor­den. Was zählt, sind die Mbit pro Sekunde, mit denen man sich auf den dig­i­tal­en Date­nau­to­bah­nen im Mausklick-Takt durch unendliche Ozeane dig­i­tal auf­bere­it­eter Infor­ma­tio­nen bewegt.
Und so riecht heute – lei­der – manche Gesamtein­spielung (oder Gesam­tauf­führung) rasch nach reich­lich „akademis­chem Muff“. Was sich als diskophile Klang­doku­men­ta­tion geriert, doku­men­tiert im besten Falle erst ein­mal nur die reine Fleißar­beit des Inter­pre­ten. Inwieweit das Ganze schlussendlich für den (heuti­gen) Hör­er einen gesteigerten „Nährw­ert“ besitzt, ist fraglich, zumal ein­er der­ar­ti­gen Gesamtschau naturgemäß eine den Hör­er bei der Stange und Laune hal­tende Dra­maturgie fehlt.
Bei der vor­liegen­den Bossi-Ein­spielung, welche titel­gemäß nicht weniger als die „opera omnia“ des Kom­pon­is­ten ver­spricht, befremdet indes, dass es hier kein einziges Werk aus der Fed­er Mar­co Enri­co Bossis zu hören gibt (!). Stattdessen wartet CD 1 mit ein­er stat­tlichen Ansamm­lung von Werken ital­ienis­ch­er Renais­sance- und Barock­meis­ter auf, die Bossi für Orgel eher adap­tiert als wirk­lich bear­beit­et hat, weit­er­hin Werke von J. S. Bach und Hän­del, hier etwa bear­beit­et für Vio­line und Orgel (wobei sich die „Bear­beitung“ darin bere­its voll erschöpft, dass der Can­tus fir­mus eines Bach’schen Choralvor­spiels einem Melodie­in­stru­ment zu­gewiesen wird).
CD 2 präsen­tiert sodann die 1908 von Bossi her­aus­gegebene Samm­lung Stücke alter ital­ienis­ch­er Meis­ter für die Orgel. Klan­glich also eher ein Appen­dix, eine aus musik­wis­senschaftlich­er Sicht eher mar­ginale Rand­no­tiz aus dem Leben eines Kom­pon­is­ten.
Will man dem ganzen edi­torischen Unter­fan­gen den­noch etwas Pos­i­tives abrin­gen, dann ist es vielle­icht und ger­ade der undok­trinäre, dur­chaus kreative Umgang mit Mu­sik ver­gan­gener Gen­er­a­tio­nen. Insofern macht der Organ­ist Andrea Maci­nan­ti mit sein­er Ein­spielung „am Rande“ wieder Mut zur Neuent­deck­ung alter Musik abseits allzu scholastisch ver­legter Gleise. Passend dazu das eben­so spon­tan ansprechende und frisch klin­gende Instru­ment, in seinem Ursprung ein Werk aus dem Jahr 1788, jedoch im Laufe der Jahrhun­derte mehrfach umge­baut und mod­i­fiziert.
Faz­it: Keine wirk­lich aufre­gende CD, aber auch keine, bei der man nun vorzeit­ig den „Auss­chal­ter“ drü-
cken müsste.

Wolf­gang Valerius