Sweelinck, Buxtehude & Co.

Northern Baroque

Sweelinck, Buxtehude & Co.

Verlag/Label: Coviello COV 91504
erschienen in: organ 2015/04 , Seite 54

3 von 5 Pfeifen

Der Inter­pret Fabi­en Moulaert ist Bel­gi­er, Jahrgang 1985, was sogle­ich die span­nende Frage aufwirft, ob sich Unter­schiede in Spielauf­fas­sung und Infor­ma­tion­s­stand gegenüber deutsch­er Orgel­musikkul­tur – hier bezo­gen auf Sweel­inck (Toc­ca­ta d-Moll; Echo Fan­ta­sia a-Moll; Est-ce Mars), Schei­de­mann (Lobet den Her­ren; Praeam­bu­lum g-Moll; Erbarm dich mein), Bux­te­hude (Toc­ca­ta d-Moll; Ich ruf zu dir; Pas­sacaglia; Fuga C-Dur; Komm, Heiliger Geist; Klag-Lied) – fest­stellen lassen.
Nein, denn es gibt keine ein­heitliche deutsche Auf­fas­sung, höchs­tens Trend­bil­dun­gen. Moulaert legt seinen Vor­trag sozusagen flächig an, selb­st struk­turell dif­feren­zierte Par­tien wer­den ein­er durch­weg ein­heitlichen Grun­dar­tiku­la­tion unter­wor­fen, die zu lock­erem Lega­to, lei­der auch zur Ver­schlei­fung von Phrasen tendiert. Es entste­ht – bei tech­nisch müh­elosem Beherrschen der Pas­sagen und Satzdichte – ein sou­verän-ruhiges Strö­men der Musik, ein­heitlich im Duk­tus, im Touch­er. Abwech­slung bieten höch­stens der Farb­wech­sel der Werke bzw. die Reg­istrierung. So wer­den Sig­nalquar­ten in Sweel­incks Echo Fan­ta­sia zum Beispiel nicht wahrgenom­men bzw. unacht­sam neu­tral­isiert. Im Ergeb­nis erklingt schw­ere­los-se­raphis­che Musik – leb­hafte Dekla­ma­tion, wie sie etwa Mon­teverdis Sec­on­da prat­ti­ca fordert, würde als allzu irdis­che Äußerung das Idyll stören.
Zum Book­let. North­ern Baroque lautet der Titel der CD, was nicht nur ungewöhn­lich, son­dern auch seman­tisch Unsinn ist: Barock als Stile­poche hat keine nördliche Dimen­sion. Sodann begeg­nen rei­hen­weise ver­staubte Laden­hüter des 20. Jahrhun­derts: Sweel­inck wurde „zu einem wichti­gen Grün­dungs­vater der nord­deutschen Orgelschule“ (S. 4), es ent­stand die „Choral­fan­tasie, als deren Urhe­ber Schei­de­mann betra­chtet wer­den kann“ (S. 5), Bux­te­hudes „Kun­st wurde vor allem von der blühen­den Ham­burg­er Orgelkul­tur geprägt“ (S. 5), „Gegen­sätze zwis­chen kon­tra­punk­tis­chen und freien Episo­den“ sind für den „Sty­lus Phan­tas­ti­cus typ­isch“ und „eine beson­ders freie Kom­po­si­tion­s­meth­ode, bei welch­er der Kom­pon­ist Spiel­raum für die Frei­heit­en des Inter­pre­ten lässt (Johann Matthe­son, 1740)“ (S. 6). Auf diese Weise lassen sich mehrere 5/4-Tak­te in Sweel­incks Echo-Fan­tasie mit C-Takt-Vorze­ich­nung und die Praller-Ein­la­gen bei Bux­te­hude sicher­lich nicht recht­fer­ti­gen. Wie es scheint, wird es trotz bre­it­en medi­alen Ange­bots wieder Gen­er­a­tio­nen dauern, bis dass Neuerken­nt­nisse der let­zten Jahre auf der Ebene der Organis­tenpraxis angekom­men sind.
Zsuzsi Tóth ver­ste­ht es, die Vokallinie abwech­slungsre­ich zu gestal­ten, vor allem vorhan­dene dis­so­nante Rei­bun­gen auskos­tend zu beleben und damit Hein­rich Schütz angemessen wiederzugeben. Das Or­gel­fundament entwick­elt dabei – über­raschende – Aktiv­ität, gele­gentlich vielle­icht ein Hauch zu kräftig gegenüber dem zarten Sopran.

Klaus Beck­mann