Robert M. Helmschrott
Nachklang – Works for Organ
Michael Hartmann, Ulrich Knörr, Hans Leitner, Elisabeth Zawadke, Franz Hauk, Klemens Schnorr, Orgel
Ist ein Musiker zugleich als praktizierender Organist wie als Komponist tätig, dann wundert es nicht, wenn Orgelmusik im Zentrum seines Schaffens steht. So verhält es sich bei Robert Maximilian Helmschrott, der seine Karriere als Organist und Chorleiter begann, später an der Münchner Hochschule für Musik und Theater als Professor für Musiktheorie sowie kirchenmusikalische Komposition lehrte und dort bis ins Amt des Präsidenten aufstieg. Helmschrotts Œuvre umfasst zwar auch Orchesterwerke, Kammer- und Klaviermusik, Oratorisches sowie Stücke für Chor und Lieder, doch bilden Kompositionen für Orgel oder Orgel in Kombination mit diversen Instrumenten eindeutig den Kern seines Schaffens.
Beim Label NEOS, das sich auf die Veröffentlichung zeitgenössischer Musik konzentriert, sind bereits mehrere Einspielungen von Werken Helmschrotts erhältlich, und die Dokumentation seines Œuvres erweitert sich nun um eine Folge von drei Doppel-CDs, die anhand wohl durchwegs älterer Einspielungen einen umfangreichen Einblick in sein Orgelmusikschaffen gestattet. Dabei sind neben Helmschrott selbst zahlreiche seiner Schüler und Weggefährten als Interpreten zu hören, an Instrumenten, die leider im Booklet nicht genauer dokumentiert sind.
Inhaltlich am gewichtigsten präsentiert sich jene Doppel-CD mit den 12 Sonate da chiesa, einem gewaltigen Zyklus, der von 1984 bis 1994 entstand. Der barocken Standardform der Sonata da chiesa folgt Helmschrott in diesen Kompositionen nur ansatzweise. Die meisten Werke sind lediglich zweiteilig angelegt, immerhin in der Tempofolge von langsam und schnell. Jeweils ein bis zwei Streich- oder Blasinstrumente führen in ihnen einen Dialog mit der Orgel; reicher besetzt ist nur die krönende Schlussnummer, die Sonata XII für drei Trompeten, drei Posaunen und Orgel.
Die Tonsprache der Werke verrät, dass ihr Komponist zu den tätigen Förderern zeitgenössischer Bestrebungen gehörte, unter anderem als zeitweiliger Mitarbeiter im Münchner „Studio für Neue Musik“. Allen Sonaten liegt als Tonmaterial der „Modus H“ zugrunde, der als Variante von Olivier Messiaens zweitem Modus aus dessen System der begrenzt transponierbaren Skalen wirkt: mit einem systematischen Wechsel von Ganzton- und Halbtonschritten; dies führt zu einer eigentümlichen Harmonik abseits des Dur- Moll-Systems, in die man sich gleichwohl bald einhört.
Wichtiger ist wohl der spirituelle Gehalt der Sonaten, der Religiosität in weitem Sinn einbezieht und darüber hinaus den ganzen mediterranen Kulturraum. Einzelne Satztitel sprechen dies deutlich aus: Sie reichen von alttestamentarisch-jüdischen Bezügen (Psalmos) über die griechisch-römische Antike (Hymnos, Ekloge) und den Gregorianischen Gesang (Antifona, Jubilus, Sequenza) bis zur frühen Mehrstimmigkeit in der geistlichen Musik des Abendlands (Motetus, Conductus). Hintergrund ist Helmschrotts immer wieder ausgesprochenes Engagement für den interreligiösen Dialog.*
Eine komplette CD nehmen vier zwischen 1967 und 1980 entstandene, unter dem Titel Metamorphose zusammengefasste Psalm-Meditationen ein. Sie wurden 1984 im Münchener Liebfrauendom vom Komponisten selbst in der erweiterten Fassung mit Schlagwerk eingespielt, im Dialog mit Hermann Gschwendtner (Percussion). Darin geht es zeitweise dunkel raunend bis aufgewühlt zu („De profundis“) oder sanft schwebend wie aus mystischer Ferne („Ad te, Domine, levavi“). Wilde Tonballungen und Toccaten-Rausch im Orgelpart wechseln mit ätherischen Klängen, während im Schlagzeug bedrohlichen Aggressionen sanfteste Glockenklänge gegenüberstehen. Man spürt den praktischen Musiker, wenn Helmschrott den einzelnen Klangfeldern immer wieder viel Zeit zum Ausschwingen im Raum lässt, bevor neue Impulse einsetzen. Am breitesten entfaltet sich die Friedensbitte „Da pacem“, in der abschließend der Zeitfluss stillzustehen scheint.
Viel im Einzelnen Reizvolles und unterschiedlichste Traditionen Aufgreifendes findet sich unter den übrigen Stücken kleineren Umfangs, die oft anlassbedingt entstanden, gelegentlich sogar aus einer Improvisation heraus wie die als spontaner Beitrag zu einer Taufe entstandene Kleine Orgelmusik „Battesimo“: eine leichtgewichtig fröhliche Suite, die sich von den sonst häufig meditativen Werken abhebt. Gelegentlich treibt Helmschrott ein symbolisches Spiel mit Zahlen, wenn sich bei Geburtstagen Taktumfänge auf das erreichte Alter der Widmungsträger beziehen, und in guter Tradition steht der Komponist auch bei aus Tonbuchstaben entwickelten Motiven.
Wie wandlungsfähig Helmschrott bei Auftragsarbeiten auf äußere Anregungen zu reagieren verstand, zeigen etwa seine Tonadas für Orgel ohne Pedal, mit denen er sich auf die Spur spanischer Orgel-Tradition begibt. Und selbst an theologischer Literatur konnte sich seine musikalische Inspiration entzünden, wie in der Reductio pro organo, die als „Hommage à Albertus Magnus“ nach der Lektüre von dessen Text „Experimentum et ratio“ entstand: In zwei Sätzen spiegelt sie dessen dualistisches Menschenbild.
Eine Besonderheit bilden jene Aufnahmen, die Helmschrott selbst im Konzertsaal der Münchner Hochschule für Musik und Theater im März 1998 spielte, in einer spontanen nächtlichen Sitzung, wenige Stunden bevor der Abbruch der dortigen Steinmeyer-Orgel begann, um einem neuen Instrument der Firma Kuhn Platz zu machen. Ihm und dem bereitwillig mitwirkenden Tonmeister ist zu danken: für das historische Dokument des Klangbildes einer Orgel, die so nicht mehr existiert.
Gerhard Dietel
* s. a. den Beitrag von Franz Hauk „Licht und Frieden. Orgelwerke von Robert M. Helmschrott mit interreligiösem Bezug“ in organ 4/2025.


