Mitteldeutsche Orgelromantik

Werke von Christian Heinrich Rinck, Felix Mendelssohn Bartholdy, Gustav Merkel und August Gottfried Ritter

Verlag/Label: Querstand, VKJK 1718 (2017)
erschienen in: organ 2018/01 , Seite 56

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Mit­teldeutsch­land ist auch nach der Blüte des dor­ti­gen Orgel­baus im Ba­rock – als die klangvoll­sten Namen wären da wohl Got­tfried Sil­ber­mann, Zacharias Hilde­brandt und Tobias Hein­rich Got­tfried Trost zu nen­nen – bis heute eine bedeu­tende Region des kon­ti­nen­taleu­ropäis­chen Orgel­baus geblieben.
Im 19. Jahrhun­dert war es neben anderen Con­rad Geißler, der dort im Umkreis seines Geburt­sorts Eilen­burg im Laufe seines Lebens 120 Orgeln errichtet hat. Eine davon erhielt im Jahr 1895 die Niko­laikirche in Uebi­gau: ein Instru­ment mit 18 Stim­men auf zwei Man­ualen und Ped­al. Auf dieser sei­ther ohne größere Ein­griffe erhal­ten gebliebe­nen Orgel hat Chris­topher Licht­en­stein (neben der Orgel­sonate Nr. 6 d-Moll von Mendelssohn und dem Vari­a­tion­szyk­lus op. 90 von Rinck) Werke von Gus­tav Merkel – die Vari­a­tio­nen für Orgel über ein The­ma von Beethoven op. 45 – und von August Got­tfried Rit­ter – die 3. Sonate a-Moll op. 23 – einge­spielt, zwei Kom­pon­is­ten, die im 19. Jahrhun­dert, und damit bee­in­flusst von der Klangvorstel­lung der Orgeln dieser Zeit, in Mit­teldeutsch­land aufwuch­sen und dort auch tätig waren.
So acht­bar sein Ein­satz für die Geißler-Orgel in Uebi­gau auch ist, der akustisch unge­mein „trock­ene“ Auf­nah­me­ort und die gestal­ter­ische Herange­hensweise Licht­en­steins an diese Werke kön­nen so unmit­tel­bar nicht wirk­lich überzeu­gen. Der Inter­pret ver­mag in Rincks Varia­tionszyklus den einzel­nen Teilen reg­is­ter­mäßig nur in engen Gren­zen indi­vidu­elle Farbe zu geben. Auch würde man sich häu­fig mehr biegsame Ele­ganz und nicht eine solcher­art häm­mernde Auf­fas­sung des zugrunde liegen­den Liedthe­mas wün­schen. Die Darstel­lung von Mendelssohns d-Moll-Orgel­sonate lei­det in weit­en Teilen unter einem motorischen und span­nungsar­men Gle­ich­maß, das eine atmende Agogik und emphatis­che Ausdrucks­fähigkeit ver­mis­sen lässt. Da fehlen ein erzäh­lerisch­er Ges­tus und ein freier­er musikalis­ch­er Fluss.
In Merkels Vari­a­tio­nen­werk befremdet die Belan­glosigkeit, mit der sich der Organ­ist der Intro­duc­tion annimmt. Die bei­den musikalis­chen Ebe­nen in der 1. Vari­a­tion stellt er ziem­lich unver­bun­den nebeneinan­der, und in der 2. Vari­a­tion bleibt das stete Stock­en an den Wen­depunk­ten deren klein­teilig alternieren­der Gliederung frag­würdig. Mehr überzeu­gen kann Licht­en­stein mit den durch­laufend­en Fig­u­ra­tio­nen in der 3. Vari­a­tion und sein­er gefäl­li­gen Ver­run­dung in der 5. Vari­a­tion.
In der Wieder­gabe von Rit­ters a-Moll-Sonate stoßen Licht­en­steins gle­ich­sam atem­los­es und ungegliedertes Durchmessen des 1. Satzes und vor allem die unver­bun­den hinge­wor­fe­nen rez­i­ta­tivis­chen Par­tikel des 2. Satzes auf Unver­ständ­nis. Das mutet starr und schema­tisch an. Und im vor­let­zten Satz der Sonate weiß der Organ­ist zwar dessen Tex­tur klan­glich abwech­slungsre­ich auszu­loten, doch es fehlt die nötige Geschmei­digkeit in der Zeich­nung der Phrasen. Eine mod­er­ate Nachver­hal­lung im Ton­stu­dio hätte der Auf­nahme gut getan und ihre harte Sprödigkeit ver­mut­lich ein wenig gemildert. So ist das Hören durch­weg anstren­gend und in sein­er pen­e­tran­ten „Unsinnlichkeit“ rasch ermü­dend.

Thomas Bopp